In der alten Geschichte der zwölf Stämme Israel heißt es, es habe in Jerusalem ein junger, steinreicher Mann mit Namen Joachim gelebt. Joachim war ein gottesfürchtiger Mensch, frömmer als alle seine Zeitgenossen. Die Opfer, die er im Tempel darbrachte, waren immer doppelt so wertvoll wie die der anderen. Seine Güter teilte er gewöhnlich in drei Teile auf. Selbst behielt er nur einen Teil, und die zwei restlichen Teile verteilte er unter Witwen, Waisen und Arme sowie unter das geweihte Personal am Jerusalemer Tempel. Gott vergalt ihm seine Hochherzigkeit, indem er sein Vermögen verdoppelte, so daß seine Herden größer und größer wurden. Im Alter von zwanzig Jahren heiratete er Anna, eine Tochter des Issachar, der zu demselben Stamm gehörte wie er; beide waren aus davidischem Geschlecht. Allerdings hatten Joachim und Anna auch nach zwanzig Ehejahren noch keine Kinder.
Mehr oder weniger zu dieser Zeit feierten die Juden im Herbst das große Erntefest, bei dem die Tora vorgelesen wird und bei dem sich das Volk aus Stroh und aus Zweigen Hütten baut, wie man sie aus Obstgärten kennt. Auf diese Weise vergegenwärtigt man sich, wie Israel in der Wüste in Lagern gelebt hatte, und man gedenkt des Bundes mit Gott. So wird das Volk immer wieder daran erinnert, daß es Pilger ist in einem von Gott aus Gnade geschenkten Land. An diesem Festtag nun ging Joachim in den Tempel, um sein Opfer darzubringen. Doch als der Priester Issachar mitbekam, daß Joachim sich unter die Männer gemischt hatte, die Nachkommenschaft gezeugt hatten, tadelte er ihn mit folgenden Worten:
- Es ist dir nicht erlaubt, zuerst deine Gaben darzubringen, bevor du einen Sprößling in Israel gezeugt hast. Wahrscheinlich bist du in den Augen Gottes unwürdig, Nachfahren zu haben. Wenn du mal in der Schrift genau nachschaust, wirst du sehen, daß Gott den verflucht, der keine männliche Nachkommenschaft in Israel gezeugt hat.
Joachim machten die Worte ebenso rasend wie ratlos. War denn das keine Beleidigung? Und warum mußten all die Darumstehenden so etwas auch noch mitkriegen? Auch wenn es im Gesetz nirgendwo eine Stelle gab, die solch eine Zurückweisung gerechtfertigt hätte, und er sich hätte verteidigen können, hätte er vor Scham sterben können, so gewaltig hatte ihn die Ehrabschneidung getroffen. Er erkundigte sich in verschiedenen Archiven und mußte zur Kenntnis nehmen, daß die Großen in Israel vom Los der Kinderlosigkeit verschont geblieben waren. Allen waren Kinder geboren worden, so
oder so. Von dieser Sachlage wissend, hatte er nicht einmal mehr den Mut, sich seiner Frau zu zeigen. Voller Gram zog er sich müde und traurig in die Halbwüste zurück, wo seine Herden weideten. Dort, in der Nähe seiner Tagelöhner, schlug er sein Zelt auf und fastete vierzig Tage und vierzig Nächte. Er sagte sich: »Ich werde keine Nahrung zu mir nehmen, bis mich der Herr besucht hat. Mein Gebet soll mir Speise und Trank sein.« Fünf Monate ließ er seiner Frau Anna nicht das geringste Lebenszeichen zukommen.
Die gute Frau tat nichts als schluchzen. Sie erhob ihre Stimme zum Himmel und klagte Gott ihr Leid: »Warum verweigerst du mir nicht nur Kinder, sondern nimmst mir auch noch meinen Mann? Seit fünf Monaten habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich weiß ja nicht einmal, ob er schon tot ist und ob ich ihn wenigstens noch werd' beerdigen können.« Verzweifelt ging sie im Garten ihres Hauses auf und ab. Da streifte ihr Blick ein paar Vögel auf einem Lorbeerbaum. Als sie die Tierchen sah, brach sie in bittere Klagen aus: »Allmächtiger Gott! Willst du, der du allen Geschöpfen Nachkommen gegeben hast, den Vögeln am Himmel, den Tieren auf der Erde und den Fischen im Wasser, willst du allein mich von deiner Güte ausschließen? Du weißt doch um das Gelübde, das ich dir bei unserer Eheschließung gemacht habe: Würdest du mir einen Sohn oder eine Tochter schenken, ich würde dir das Kind in deinem heiligen Tempel aufopfern.«
Ihre Magd Judit, der sie am meisten vertraute und die um ihren Kummer genau wußte, bemühte sich, sie zu trösten. Also versuchte Judit, sie mit den Worten wiederaufzurichten:
- Ein großes Fest steht vor der Tür, wie du weißt. Wie lange willst du deine Seele noch belasten? Zieh dir was anderes an! Leg dir dieses Kopfband an, das ich von der Dienstherrin geschenkt bekommen habe (das mir aber nicht zusteht, weil ich ja keine Freie bin), und freu dich!
Doch Anna war dagegen und griff barsch ein.
Allmählich jedoch ließ sie sich überzeugen, legte die Trauerkleider ab, verließ ihre Gemächer wieder und ging erneut im Garten spazieren, um sich ihrer Schmerzen zu entledigen. Da trat ihr plötzlich ein Engel des Herrn entgegen und sagte:
- Fürchte dich nicht, Anna! Glaub nicht, daß das, was du da siehst, ein Gespenst ist! Ich bin ein Engel, der eure Gebete vor Gottes Angesicht trägt. Der Höchste hat beschlossen, daß du einen Sprößling haben sollst, den die Menschen ewig bis ans Ende der Jahrhunderte bewundern werden.
Darüber hinaus versprach der Engel ihr auch, daß ihr Kind dem Dienst des Herrn im Tempel der heiligen Stadt geweiht werden sollte, wo dann der Herr selbst zu gegebener Zeit darüber verfügen würde. Aber Anna konnte das Ganze nicht glauben, und die Angst und der Schrecken, solch eine Erscheinung gehabt zu haben, wichen ihr nicht aus ihren Gliedern. Sie legte sich in ihr Bett und verbrachte dort den ganzen Tag und die ganze Nacht. Und voll des Zweifels, ob das, was ihr widerfahren war, Spott oder Wirklichkeit war, betete und weinte sie nur noch inniger.
Zur gleichen Zeit tauchte in den Bergen, in denen Joachim seine Herden weiden ließ, ein junger Mann auf. Er ging auf Joachim zu und sagte:
- Warum kehrst du nicht zu deiner Frau zurück?
Obgleich Joachim nicht die geringste Ahnung hatte, wer der junge Mann war, schöpfte er Vertrauen zu ihm und legte ihm seine Gründe dar, insbesondere die Schande seiner Unfruchtbarkeit. Der Jüngling antwortete:
- Fürchte dich nicht! Ich bin der Engel Gottes, und Gott hat mich heute auch zu deiner Frau geschickt. Der Herr hat dein Gebet erhört. Deine Frau wird schwanger werden und ein gesegnetes Kind zur Welt bringen. Es wird solch großer Segen auf dem Kinde liegen, daß niemand wird sagen können, in der Vergangenheit habe es etwas Ähnliches gegeben. Auch in der Zukunft wird es keinen Menschen geben, der sich mit dem Kind vergleichen ließe, versichere ich dir. Steig aus den Bergen hinab, und kehr zu deiner Frau zurück.
Einen Augenblick wußte Joachim nicht, was ihm geschah. Doch dann reagierte er rasch. Was der Engel gesagt hatte, schien ihm glaubwürdig. Also lud er ihn ein, noch eine Weile zu bleiben und mit ihm zu speisen. Aber dieser lehnte ab mit der Begründung, er pflege andere Speisen zu sich zu nehmen; doch in seiner Großzügigkeit möge er das, was er für das beabsichtigte Mahl ausgeben werde, Gott zum Opfer darbringen. Das tat Joachim dann auch ...