Das Kreuz ist der Schlüssel zum Himmel. Von dem Augenblick an, in dem unser HErr getauft wurde und für uns Sünder das Joch auf Seinen Rücken nahm, war der Himmel wieder offen, und durch Seine 33 Jahre des Kreuztragens und durch Seinen Tod am Kreuz wurde der Himmel auf alle Ewigkeit hinaus für die Gläubigen geöffnet - der Himmel, der um der Sünde willen vor ihnen verschlossen war. Die Gläubigen, die ihr Kreuz auf sich nehmen und Ihm folgen (Joh. 10,9), werden ewig glücklich. Sie gehen durch Ihn sofort in den Himmel ein. Das ist ein Glück, das die Welt nicht verstehen kann, denn für Ungläubige ist der Himmel ja verschlossen.
Des Ungläubigen Hoffnung und Erfahrung ist die, dass wohl auf Leiden wieder Freude, aber nie vollkommene Freude folgt. Der HErr jedoch gibt Seinen Kindern schon im Leiden Freude, und zwar eine wahre Freude, die ewig währt, und Ruhe. So nimmt das Kreuz die auf, welche willig das Kreuz Jesu auf ihre Schulter nehmen, und lässt sie in der ewigen Heimat landen.
Das Leiden hat seinen Ursprung in des Menschen Natur, die in Unordnung gekommen ist, und in seinem verkehrten Zustand, gerade wie jemand, der in kaltem Land zu wohnen pflegt, die Hitze der Tropen nicht vertragen kann, und umgekehrt. Hitze und Kälte hängen von den verschiedenen Stellungen der Erde zur Sonne ab. So schafft sich der Mensch durch die Ausübung seines freien Willens je nachdem entweder einen Zustand des Einverständnisses mit Gott oder einen Zustand der Empörung wider Gott.
Gottes Gebote sind für des Menschen Glück und Gesundheit gegeben. Der Ungehorsam dagegen muss zu geistlicher Krankheit und Qual, zu einem ungesunden Zustand führen. Gott hätte diesen Zustand des Widerstandes und der Empörung hinwegräumen können. Das hat Er nicht getan. Er hat ihn vielmehr in eine bessere Form verwandelt. Ich meine, dieser widerstrebende und betrübende Zustand muss es dem Menschen nahelegen, dass er nicht allein für diese Erde geschaffen ist, sondern dass wir hier in der Fremde sind (2. Kor. 5,1.2.6) und in einem Zustand der Vorbereitung auf eine wirkliche und ewige Heimat. Der Mensch wird unter dem Druck der Nöte wachsam erhalten, damit er nicht mit der vergänglichen Erde vergehe; denn unser Herz vergisst nur zu leicht die Wirklichkeit. Durch des Lebens Nöte aber wird der Mensch in der Gemeinschaft mit seinem Schöpfer erhalten und darf, erlöst vom Leid und Unglück dieses kurzen Lebens, eingehen zum ewigen Leben, zu ewiger Freude und dem Frieden des Himmels.
Leiden und Unglück erscheinen uns bitter genug, ja wie Gift. Aber wir sollten auch daran denken, dass Gift nicht selten ein Heilmittel gegen Gift ist. Gott segnet sehr oft die Seinen dadurch mit geistlicher Gesundheit und Kraft, dass Er das bittere und giftige Heilmittel der Leiden und des Unglücks bei ihnen anwendet. Sobald aber völlige Gesundheit eingetreten ist, ist auch das Ende aller Leiden da; denn Gott hat keinen Gefallen daran, Menschen leiden zu lassen (Klagel. 3,31; 33). Sein einziges Ziel ist ihr ewiges Glück. Schon manchmal ist durch Erschütterungen und Erdbeben eine frische Wasserquelle in dürrem Land entsprungen, das Land erfrischt und unfruchtbares, verschlossenes Land bewässert worden. Durch Erschütterungen und Leiden werden Ströme lebendigen Wassers in einem Menschen geöffnet, und anstatt über sein Leiden zu klagen, muss er loben und danken (Ps. 119,67; 71).
Für ein Kind ist es nötig, dass es schreit, sobald es geboren ist, damit es durchatmet und sich seine Lungen strecken. Wenn es nicht schreit, muss es durch leichte Schläge zum Schreien genötigt werden. Das tut Gott mit Leid und Mühe als Schläge treuester Liebe an uns und nötigt Seine Kinder zum Schreien, um ihre Gebetslungen zu strecken und Gebetsatmung zu schaffen, damit sie neues Leben bekommen, das ewig währt.
Das Kreuz ist wie die Frucht des Walnussbaumes. Die äussere Schale ist bitter, aber der Kern ist erquickend und kräftig. Von aussen hat das Kreuz keine Gestalt noch Schönheit, die man sehen könnte; aber wer es recht erkennt und trägt, findet unter der Schale einen Kern voll geistlichen Wohlgeschmackes und Friedens.
Als unser HErr Mensch geworden war und das schwere Kreuz zur Errettung der Menschen auf sich nahm, trug Er es nicht nur die sechs Stunden vor Seinem Tode, oder die drei Jahre Seiner Amtszeit, sondern während der 33 Jahre Seines Lebens, um die Menschen von der Bitterkeit des Todes zu befreien. Ein reinlicher Mensch kann es auch nicht für Minuten an einem schmutzigen, übelriechenden Ort aushalten. Wer in der Gemeinschaft mit Gott steht, kann es nicht aushalten in der sündenbefleckten Menge. Darum haben auch einige Gebetsmenschen, die den Gestank der Sünde von Herzen verabscheuten, der Welt entsagt und ein Leben der Einsamkeit in Wüsten und Höhlen geführt. Bedenke, dass ein Mensch, der Rettung gefunden hat, die Bitterkeit der Sünde in voller Schärfe empfindet, so dass es ihm schwer wird, mit seinen Mitmenschen zu leben. Manche können sich nie wieder dazu verstehen. Wie hart und bitter ist das Kreuz für Ihn gewesen, der heilig und der Brunnen aller Heiligkeit ist, volle dreiunddreissig Jahre andauernd zwischen den Sündern und in ihrer stetigen Gemeinschaft zu leben! Es geht über menschliches Fassungsvermögen, dies voll und ganz zu verstehen, und auch die Engel gelüstet, das Geheimnis zu schauen (1. Petr. 1,12), denn sie wussten vor allem Geschaffenen, dass Gott Liebe ist. Aber noch wunderbarer und erstaunlicher ist, dass diese wunderbare und erstaunliche Liebe Selbst Fleisch wurde um sündiger Geschöpfe willen, und das bittere Kreuz ertrug, damit sie ewiges Leben ererben möchten.
Der HErr hat teil am Kreuz der Seinen und derer, die in Ihm bleiben, und leidet mit ihnen (Apostelg. 9,4), obgleich sie Geschöpfe sind und Er der Schöpfer ist. Geist und Körper sind ganz verschiedene Einheiten, sind aber doch so verinigt, dass sie eines sind; und wenn ein unscheinbares Glied des Körpers leidet, empfindet der Geist sofort den Schmerz. Jesus ist das Leben und der Geist Seiner Jünger. Sie sind Sein Leib und Seine Glieder. Er fühlt den Schmerz jedes Einzelnen und schafft Hilfe und Errettung zu rechter Zeit.
Er Selbst war im Feuer (2. Mose 3,2.6), und als ein Kreuzträger kann Er die erretten, die vom Feuer der Trübsal umgeben sind (Dan. 3,25; 1. Petr. 4,12-13). So wie Feuerwürmer nicht sterben, so heiss auch das Feuer flammt, so leiden die, welche mit dem Feuer des Heiligen Geistes getrauft sind und das neue Leben empfangen haben, keinen Schaden durch irgend welches Feuer, denn sie haben in Jesus vollen Schutz und Sicherheit.