2.
Um die Wirklichkeit zu entdecken, ist Liebe der einzige Prüfstein - allein dadurch wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, sprach der HErrr (Joh. 13,35).
Gott braucht oft das Schwert der Gerechtigkeit, so dass es manchmal scheint, als sei Er unbarmherzig, wie Salomo damals, als er Gericht sprechen musste (1. Kön. 3,16-28). Aber Seine Absicht dabei ist: es soll offenbar und bekannt werden, dass wir Kinder Gottes, Kinder der Liebe sind, die ihr eigenes Leben dahingegeben, um unser Leben zu retten; und dass uns nun als Leute, die in dieser Liebe leben dürfen, die Liebe also dringet, dass wir unser Leben dahingeben, um das Leben anderer zu erretten vom Verderben, und dass wir in dieser Liebe einander dienen, so wie Er Sein Leben für uns dahingab. - Ich lebe, spricht der HErr, und ihr sollt auch leben (Joh. 14, 19).
Im Leben der wahren Jünger des HErrn Jesu offenbaren sich die Früchte ihres Dienstes und ihrer Liebe in reicher Fülle (Joh. 15,8). Wenn euch die Leute schmähen und verfolgen und werfen euch mit Steinen der Verachtung, betet für ihr Wohl und gebt ihnen anstatt der Steine Gelegenheit, eure Liebe zu kosten. Böse Buben bewerfen einen Baum voll reifer Früchte mit Steinen. Der Baum aber wirft ihnen süsse Früchte zu, ohne sich zu beklagen. Er hat ja keine Steine zur Vergeltung. Ohne zu fragen gibt er, was Gott ihm zuvor gegeben. Lasst euch durch solche Behandlung nicht entmutigen, denn gerade das, dass sie euch mit Steinen falscher Anklagen bewerfen, ist ein klarer Beweis, dass euer Leben Frucht bringt, und obgleich sie es aus Hass und Bosheit tun, wird dadurch die Herrlichkeit unseres Vaters im Himmel offenbar.
Wir dürfen niemals glauben, dass Gott Mangel an Verherrlichung Seines Namens leidet, oder dass wir Ihm ein wenig helfen müssten, dass Er verherrlicht werde; vielmehr ist es Seiner Liebe Zweck, solch einem winzigen Wesen, wie es der Mensch ist, aus seinem Zustand der Verlorenheit aufzuhelfen und ihn zu dem hohen und herrlichen Leben im Himmel zu erhöhen. Es ist, als ob Er nicht Sich, sondern den Menschen zu verherrlichen bestrebt sei, nachdem Er ihn geheiligt und gereinigt hat. Darin offenbart Er die Herrlichkeit und Grösse Seiner Liebe.
Denen, welche durch Treue und Dienst sich bewährt haben, nachdem sie sich von ihren Sünden bekehrt haben und in Christus gerecht geworden sind, gibt Jesus solche Herrlichkeit, dass sie leuchten zuerst wie die Sterne, dann aber wie die Sonne, nachdem sie vollendet sind in des Vaters Reich. Die Sterne erblassen, wenn die Sonne der Gerechtigkeit aufgeht; aber der Vater will, dass Seine Kinder vollkommen sein sollen, wie Er Selbst vollkommen ist, in ewiger Herrlichkeit. Und nachdem sie auch herrlich gemacht sind, sollen sie mit Ihm leuchten in unaufhörlicher Freude nach Seiner unermesslichen und endlosen Liebe.
Es gibt sehr geringe Geschöpfe wie die Leuchtkäfer mit ihren flackernden Lichtlein, oder eine Reihe kleiner Pflanzen, welche ihrer Fähigkeit und ihrem Wesen nach im dunkeln Wald leuchten. Es gibt in der Tiefe des Meeres kleine Fische, die ebenfalls leuchten und damit andern Fischen den Weg zeigen, wenn sie in Gefahr sind, von Raubfischen vernichtet zu werden. Wieviel mehr sollten Gottes Kinder, die doch das Licht der Welt sind (Matth. 5,14), mit ihrem Himmelslicht diejenigen den rechten Weg führen, die im Finstern eine Beute Satans werden! Wir sollten aufopferungsfreudig sein, wenn es gilt, andere vom Tode zu retten.
Wenn Gottes Kinder ihre Gaben nicht in den Dienst Gottes und Seiner Schöpfung stellen, sind sie in Gefahr, sie für immer zu verlieren. So ist's bei manchen Fischen, die im tiefen Wasser an dunklen Plätzen leben, und bei gewissen Einsiedlern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, im Dunkeln zu leben, - sie verlieren ihr Augenlicht. Der Vogel Strauss, der seine Flügel nicht zum Fliegen gebraucht, verliert die Fähigkeit zu fliegen. Daher vernachlässigt ja nicht eure Gaben oder "Talente", welche euch anvertraut sind, sondern gebraucht sie und gehet ein zu eures HErrn Freude (Matth. 25,14-30).
Es ist des HErrn Wohlgefallen, oft für grosse Dinge und hohen Dienst, durch welchen viele gesegnet und errettet werden, solche zu brauchen, die vor der Welt gering und unangesehen sind. Denn diese Leute protzen nicht mit ihren Fähigkeiten und ihrer Weisheit und verlassen sich nicht darauf. Sie kennen ihre Schwachheit und haben volles Vertrauen zu Jesus und stellen alles, was sie haben, ohne zu fragen und zu zweifeln, in den Dienst des HErrn Jesu und anderer Menschen (1. Kor. 1,26-30). Als zum Beispiel der HErr in der Wüste die Fünftausend mit fünf Broten und zwei Fischen sättigte, konnten Seine Jünger in keiner Weise helfen, diese Massen zu befriedigen. Wenn es auf sie angekommen wäre, hätten sie dieselben hungrig und verschmachtend, wie sie waren, weggeschickt. Der einzige, der gebraucht werden konnte, war der Knabe, der so begierig war, Jesu Worte zu hören (Joh. 6,9), den seine Mutter, eine arme Frau, mit einigen Gerstenbroten und etwas Fisch, was er vielleicht in ein Stück Zeug gebunden hatte, für drei oder vier Tage ausgerüstet hatte. Als man dann nach Nahrungsmitteln suchte, legte dieser gehorsame und treue Junge alles, was er hatte, nämlich die fünf Brote und die zwei Fische, zu der Jünger Füssen, obwohl andere, die sich für grosse Leute hielten, weit bessere Nahrung, Weizenbrot und dergleichen, bei sich gehabt haben mochten, es aber nicht hergeben wollten. Am Ende erwiesen sich die Gerstenbrote dieses unbedeutenden Knaben unter des HErrn Segen als die allerbeste Nahrung.
Es gibt so undankbare Leute, die undankbar bleiben, obwohl sie grosse Segnungen empfangen haben. Obwohl sie, selbst durch Wunder, Gottes grosse Güte erfahren haben, vergessen sie trotzdem alle diese Güte. Solche Leute kann Gott für den Dienst zum Segen anderer gar nicht gebrauchen. Sie sind wie jeder Lahme, der 38 Jahre krank gewesen war, und als er gesund geworden durch das grosse Wunder, vergass, dankbar zu sein; er vergass sogar des HErrn Namen (Joh. 5,12 u.13). Von Leuten solcher Art kann die Welt keine Hilfe erwarten, aber von solchen wie jene Witwe (Luk. 21,2-4), die bereit war, alle ihre Habe dranzugeben.
Im Dienst muss man bereit sein, lieber sein Leben aufzugeben als untreu zu sein. Ein Soldat stand in bitterer Kälte und Schneetreiben auf Posten und blieb stehen wie eine Bildsäule, selbst als alle übrigen Wachmannschaften hinwegeilten, um sich zu wärmen. Er erfror, wie er stand. Der König sah den Toten mit unverwandtem Auge an, dann nahm er seine Krone ab, setzte sie fünf Minuten aufs Haupt des toten Posten und sagte: Solche treue Soldaten und Diener sind der Glanz meiner Krone, sie sind wie leuchtende Sterne; würde dieser Mann noch leben, so würde ich ihn zum Minister meines Reiches machen. So sollten Gottes Knechte treu auf dem Posten stehen, auf den Er sie gestellt hat. Sie sollten tapfer und treu arbeiten, und Jesus würde sie krönen, nicht nur für ein paar Tage, sondern mit der Krone des ewigen Lebens (2. Tim. 4,4-8).
Nicht wenige haben ihren ewigen Lohn verloren, weil sie die Zeit, die ihnen für den Dienst gewährt war, vergeudeten. Wenn sie jetzt nur aufwachen und die Zeit, die ihnen geblieben ist, ausnützen wollten, so könnte ihnen geholfen werden. Sie sind wie ein Jäger, der am Ufer eines Flusses entlang wanderte und einige Steine fand, die wohl sehr hübsch waren, aber weil er ihren Wert nicht kannte, legte er einen nach dem andern auf seine Schleuder und warf mit ihnen nach Vögeln, die in den Zweigen eines Baumes am Ufer sassen. Alle Steine, ausser einem, fielen auf Nimmerwiedersehen in den Fluss. Als er über den Markt nach Hause ging, zeigte er seinen letzten einem Goldschmied. Als dieser den Stein prüfte, erkannte er ihn als einen hochwertigen Diamanten. Viele Tausend Rupien hätte der Narr für die nutzlos in den Fluss geworfenen Steine bekommen können. Als der Mann das hörte, schlug er an seine Brust und schrie: Ach, ich Tor, dass ich so wertvolle Diamanten, deren Wert ich nicht kannte, vergeudete und damit die Vögel aus jenem Baum verjagte, anstatt sie zu verkaufen und ein Millionär zu werden! Gut, dass ich doch wenigstens e i n e n behielt; etwas ist besser als gar nichts! Jeder Tag unseres Lebens ist ein kostbarer Diamant, und obwohl du viele davon verloren haben magst, indem du sie in den Fluss der Nichtigkeit versenktest, als du nach den Vögeln nichtiger Wünsche warfst, kannst du doch noch guten Gebrauch machen von dem, was dir geblieben, und grossen geistlichen Segen ernten. Im Dienst dessen, der dir Leben und Perlen geschenkt, kannst du sie verwenden, indem du andere vom Tode und vom Irrtum errettest und für dich guten Lohn im Himmel erwirbst.