Widerstand wider den Massentrieb


  Endzeitprophetie  

Geschrieben von Epi / Abschrift am 01. August 2006 08:12:08:

Der Schriftsteller Henry David Thoreau war im 19. Jahrhundert einer der Vordenker des Pazifismus. Lange verkannt ist er heute zum Kultautor vieler geworden, die gegen Krieg und den Missbrauch von Staatsmacht Widerstand leisten.
Von Emil Zopfi

"Widerstand gegen den Staat ist Pflicht"

Friedlich liegt der "Walden Pond" im Licht des Spätherbsts. Am Ufer des kleinen Sees bei Concord, einem Vorort von Boston, dösen ein paar Leute auf Wolldecken an der Sonne, Kinder spielen im Sand. Wenige Schritte entfernt im Gebüsch zeigt ein Haufen Steine, wo die Hütte stand, die Henry David Thoreau von März 1845 bis September 1847 bewohnte. Das Experiment des einfachen, selbstbestimmten Lebens fand zwölf Jahre später seinen Niederschlag im Buch "Walden oder Leben in den Wäldern" (z.B. Diogenes, 1973). Heute steht der Ort unter Naturschutz, wo der in Harvard ausgebildete Lehrer als Einsiedler von seiner Hände Arbeit, von Fischfang und dem Anbau von Bohnen zu leben versuchte. Neben dem Parkplatz ist die Hütte rekonstruiert, die er selber gebaut hatte: Ein Raum mit einer Pritsche, einem Tisch, einem Stuhl und einem Holzherd.

Thoreaus Rückkehr zum einfachen Leben wurde kaum verstanden in einer Zeit, in der in New England die industrielle Revolution die Menschen in die Fabriken trieb und Wohlstand versprach. "Walden", das heute als Meisterwerk der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts gilt, verkaufte sich zu Lebzeiten seines Autors kaum. Die politische Botschaft, der Einzelne solle sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und im Einklang mit der Umwelt leben, statt sie zu zerstören, fand erst Generationen später Gehör: "Zu der Masse jener Menschen spreche ich, die unzufrieden sind und sich vergeblich über die Härte des Schicksals oder der Zeiten beklagen, während sie beides doch verbessern könnten. Manche sind deswegen ungemein heftig und untröstlich in ihren Klagen, weil sie, wie sie behaupten, ihre Pflicht tun."

Thoreau wandte sich entschieden gegen Sklaverei und Krieg. Als die USA 1846 gegen Mexico Krieg zu führen begannen, weigerte er sich, Steuern zu bezahlen. "Es gibt Tausende, die im Prinzip gegen Krieg und Sklaverei sind und die doch praktisch nichts unternehmen, um sie zu beseitigen. Sie warten, dass andere den Übelstand abstellen, damit sie nicht mehr daran Anstoss nehmen müssen." Das schreibt er in seinem berühmten Essay "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" (z.B. Diogenes, 1971).

Darin erzählt er, wie er auf dem Weg zum Schuhmacher verhaftet und wegen seines Steuerstreiks für eine Nacht ins Gefängnis gesteckt wurde. "Unter einer Regierung, die irgend jemanden unrechtmässig einsperrt, ist das Gefängnis der angemessene Platz für einen gerechten Menschen", leitete er aus dieser Erfahrung ab. Und: "Wir sollten erst Menschen sein, und danach Untertanen. Man sollte nicht den Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit. Nur eine einzige Verpflichtung bin ich berechtigt einzugehen, und das ist, jederzeit zu tun, was mir recht erscheint." Seine Analyse so radikal wie aktuell zugleich. "Die Mehrzahl der Menschen dient also dem Staat mit ihren Körpern nicht als Menschen, sondern als Maschinen. Sie bilden das stehende Heer und die Miliz, die Gefängniswärter, die Konstabler, Gendarmen."

Das Essay "Über die Pflicht zum Ungehorsam", das zum gewaltlosen Widerstand gegen eine Staatsmacht aufruft, die ungerecht handelt, zeigte erst nach langer Zeit Wirkung. "Mahatma Gandhi verteilte die Schrift wie ein Lehrbuch unter seinen Schülern", schreibt der Herausgeber einer neueren Edition. Martin Luther King war von beeinflusst von Thoreaus Gedanken. Und die aktuelle Bewegung gegen den drohenden Krieg im Irak erinnert sich wieder an ihn.

So wie sich Thoreau allein aufmachte, eine Utopie zu leben, wenn auch nur für kurze Zeit, so erhofft er sich die Wendung zum Bessern nicht von der Masse, sondern von einzelnen, von selbstständig denkenden und bewusst handelnden Minderheiten. Denn: "Eine Minderheit ist machtlos, wenn sie sich der Mehrheit anpasst; sie ist dann noch nicht einmal eine Minderheit; unwiderstehlich aber ist sie, wenn sie ihr ganzes Gewicht einsetzt." Er war kein Anarchist, träumte jedoch von einem gerechteren und toleranteren Staat, der seine Bürger "wie Nachbarn" behandelt. "Einen Staat, den ich mir auch vorstellen kann, den ich bisher aber noch nirgends gesehen habe."

Henry David Thoreau verstarb 1862, zu Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs, im Alter von 44 Jahren an Tuberkulose, ohne etwas von der grossen Wirkung zu erfahren, die seine Schriften auf die pazifistische Bewegung haben würden.


Emil Zopfi ist Schriftsteller und hat "Walden Pond" im Herbst 2002 besucht.




Mehr über Thoreau


"Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben,
dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten,
zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte,
damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste,
dass ich nicht gelebt hatte.

Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war;
das Leben ist so kostbar.
Auch wollte ich keine Entsagung üben,
außer es wurde unumgänglich notwendig.

Ich wollte tief leben,
alles Mark des Lebens aussaugen,
so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht leben war,
in die Flucht geschlagen wurde." (Walden, S. 98)

http://www.thoreau.de/thoreau/walden.html#Walden








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