Erstes Kapitel
Unterweisung über den Nutzen,
welchen man aus der Betrachtung der Leiden des Herrn Jesu ziehen soll.
I. Es geschieht nur allzu oft, dass diejenigen, welche nach der christlichen Vollkommenheit streben, durch eine unrichtige Behandlung der geistlichen Dinge irre gleitet werden, indem sie dieselben auf eine verkehrte Weise angreifen: und wenn sie die Busswerke, den Eifer und die Verzückungen der Komtemplation lesen und die Wunder, welche der göttliche Geist bisweilen in jenen abgetöteten und mit Ihm gänzlich vereinigten Seelen gewirkt hat, so trachten sie nach diesem Wunderbaren, lassen aber die Grundlage ausser Acht, auf welcher dasselbe beruht, und den Weg, auf dem man dazu gelangt.
Dieser Irrtum ist aber heutzutage gefährlicher als ehemals. Denn jetzt befinden sich viele gelehrte Schriften über diesen Gegenstand in den Händen der Gläubigen, und werden zwar von den meisten verstanden, nicht aber zur Anwendung gebracht: man führt Vieles im Munde, aber legt selten gehörig Hand ans Werk.
II. Unter den Ursachen dieses Übels ist es keine der geringsten, dass Gott, der sich überall gleich ist, den Anfängern in ihrem Eifer sich auf eine süsse Weise zu erkennen gibt; diese aber ihr Fortschreiten nach jener Süssigkeit abmessen, und sich fälschlicher Weise überreden, dass sie in der Tugend nun schon weit gediehen seien: wie etwa ein Anfänger in der Kunst, wenn er ein recht geschickt aufgezeichnetes und mit den ersten Farben übertragenes Gemälde sieht, es bewundert und lobt, als sei es ganz vollendet; da es doch nichts ist, als eine Skizze oder der Anfang eines Gemäldes, das noch erst vollendet werden soll.
Also meinen jene Betrogenen fast bei den ersten Entwürfen guter Wünsche und geistiger Wohlgeschmäcke, die sie durch die Güte Gottes empfinden, wegen einer gewissen Ähnlichkeit mit denjenigen, welche die vollkommene Liebe Gottes hervorzubringen pflegt, sie wären bereits aufgenommen in die Reihen der ausgezeichneten Diener Gottes; und als ob dasjenige, was sie von gewissen sehr heiligen Personen gelesen oder gehört, nichts anderes sei, als was sie selbst erfahren und emmpfinden, führen sie ein Gebäude ohne Kalk und ein Dach ohne Mauer auf, kommen durch jede Versuchung zum Fallen und erkennen am Ende, dass sie auf schändliche Weise betrogen waren.