Spür den Peer in dir!


Endzeitprophetie

Geschrieben von Hans am 02. August 2004 19:01:25:



Spür den Peer in dir!

Chip-Implantate, Tatöwierungen und andere Digitalsender: Die neuesten
Überwachungs-Techniken gehen unter die Haut - und senden, was das Bankkonto
hergibt / Von Olaf Arndt

Chips wollen uns in eine neue Dimension des Menschseins beamen.

Sie können Menschen unauffällig markieren und werden als Implantat
zum "technischen Organ". Die Verbindung zwischen uns und unseren Cyber-
Bausteinen wird enger, das Verhältnis zum Körper instrumentell: Es ist das
Verhältnis von "Nutzer" und "Plattform".

Schon heute gibt es "digitale Engel", kleine GPS Sender, die uns helfen,
schnell ihre Träger zu finden. Es existiert sogar ein "telepathischer Chip",
mit dem wir neuronale Impulse von einem Menschen auf einen anderen senden
können.

Daran arbeitet der Chip-Papst Kevin Warwick, dessen Foto mit aufgeschlitztem
Arm voller Computertechnologie um die Welt ging.

Seit einigen Wochen gibt es nun den Chip für Partygänger, den "VeriChip", mit
dem man bargeldlos seinen Cocktail bezahlt.

Conrad Chase, ein ehemaliger Alarmanlagenvertreter aus Miami, macht in seiner
Diskothek aus einem militärischen Markierchip den ultimativen Partyknaller. Es
begann mit einer harmlosen Meldung. Barcelona, im Juni 2004: Der "Baja Beach
Club" beschreitet neue Wege bei der Zugangskontrolle.

Den Gästen wird ein Funkchip, so groß wie ein Reiskorn, unter die Haut
gespritzt. Er ermöglicht den Einlass ohne Wartezeit und speichert zugleich ein
Verzehrguthaben.

Wie auf der Website des Clubs nachzulesen, besorgt eine Krankenschwester die
Injektion des "VIP VeriChip". Club-Besitzer Chase sieht darin eine Chance,
seinen prominenten Gästen einen gewissermaßen unveräußerlichen Elite-Status zu
geben. Die Behandlung kostet 180 Euro. Chase und die ersten Kunden, Stars der
spanischen Big-Brother-Variante "Gran Hermano", sind auf der Website zu sehen,
wie sie sich mit einer Einmalspritze den kleinen Glaskörper einbauen lassen -
für die tätowierten, gepiercten, mit Siliconimplantaten aufgepumpten TV-
Darsteller nur ein weiteres Accessoire, das den Status der Exklusivität
erhöht.

Bald schon wird diese Chip-Technologie, die von kritischen Ärzten und Juristen
als Symbol der vollständigen Veräußerung menschlicher Freiheit bekämpft wird,
einen Siegeszug antreten, der dem des Mobiltelefons gleich kommt. Der
mexikanische Generalstaatsanwalt Rafael Macedo de la Concha und 168 seiner
Mitarbeiter im neugegründeten Zentrum für Verbrechensbekämpfung sind
vergangene Woche mit der Meldung zu Ruhm gekommen, sie hätten sich einen per
GPS ortbaren Chip implantieren lassen, damit sie im Entführungsfall schnell
auffindbar seien.

Dies ist besonders pikant angesichts der Meldung, dass sich in Mexiko
Kidnapping-Banden darauf spezialisiert haben, ihre Opfer nackt auszuziehen und
zu zwingen, die Stelle zu bezeichnen, an der ein Chip unter ihrer Haut
verborgen ist.

Macedo, der bekennt, dass der Einbau zwar schmerzhaft gewesen sei, er sich
heute aber viel sicherer fühle, irrt sich allerdings, wenn er glaubt, er sei
mit Chip auch außerhalb seines Büros lokalisierbar. Das kleine
Halbleiterplättchen funktioniert nur in seinem Büro, das mit allerlei
Lesegeräten ausgerüstet ist, nicht außerhalb.

Auf der Straße würde er lediglich Gefahr laufen, dass eine Bande, die der
gleichen Fehlinformation aufgesessen ist, ihm den Arm abschneidet

Unter der Patentnummer 5,878,155 bereits 1999 in den USA erfasst, ist der
subkutane Barcode vor allem zur Erleichterung bei der Abrechnung etwa im
Supermarkt entwickelt worden. Doch nicht nur Chase, auch die Hersteller
künftiger Technologien politischer Kontrolle profitieren von den kleinen
Sendern, wie beispielsweise die belgische Rüstungsfirma FN Herstal, mit der
Chase vor seinem Chip-Launch in Kontakt stand und die vehement auf den Markt
mit "untödlichen Waffen" und "smarten" Erkennungssystemen drängt. Via VeriChip
lizensieren oder sperren die Belgier beispielsweise den Gebrauch einer Waffe.
So können Terroristen, die unverhofft in ihren Besitz gelangen, nichts mit der
Waffe anfangen. Gleichzeitig macht ein miniaturisierter RFID-Chip (Radio
Frequency Identifcation) jeden Einsatz digital nachvollziehbar. Der Soldat
oder Polizist erhält quasi einen leiblichen Daten-Download-Port, sein Körper
wird zur Prothese des verwaltenden Rechners.

Der militärische und der Entertainment-Komplex verschmelzen; der eine kann die
Implantate des anderen nachnutzen. Der Disco-Besitzer Chase in seinem weißen
Rüschenanzug hat für solche Vergleiche nur das mitleidvolle Lächeln übrig, das
man hoffnungslos verkarsteten linken Politgreisen spendet, wenn sie in ihr
antiquiertes Gemecker vom technischen Faschismus verfallen. In zahllosen
Interviews gibt er seine Vision einer besseren Welt zum besten, in der
entspannte Geschäftsmänner parfümierte Sahne von Service-Bunnies schlecken.

Die Personenmarkierung und -überwachung nimmt seit dem 11. September einen
herausragenden Platz in der Diskussion um eine verbesserte Früherkennung von
Delikten ein. Allerdings hat die Welle filmreifer Vorschläge nicht erst mit
dem "Krieg gegen den Terror" eingesetzt. "Bodyscan", die Durchleuchtung des
Körpers auf pulverförmige Substanzen, oder die freiwillige Eintragung zur
Iriserkennung beim Check-In am Flughafen Heathrow in London sind Projekte, die
lange vorher geplant wurden.

Auch jene Patentanmeldung mit der Nummer 5,878,155 für eine Methode zur
unsichtbaren Kennzeichnung von Personen "zum Zweck der Identifizierung, um
Geld- und Kredittransaktionen auf sichere Weise durchzuführen", datiert
Florian Rötzer, Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis, bereits 1999:

"Es hat verschiedene Methoden gegeben, um Menschen zu kennzeichnen.

Während des Holocaust haben die Nazis die Arme der Juden mit individuellen
Nummern tätowiert. In einer Episode der TV-Sendung "X-Files" entführen Aliens
einen Menschen und experimentieren mit ihm.

Um ihn dauerhaft zu markieren, ätzen sie ihm einen Barcode in die Zähne. Keine
der beiden beschriebenen Methoden ist angezeigt, um Menschen für die
Abwicklung des elektronischen Zahlungsverkehrs hinreichend sicher zu
markieren.

Erstens diktiert das soziale Gewissen, keine auffällige Kennzeichnung
vorzunehmen wie bei den Holocaust-Opfern. Zweitens muss der Barcode lang und
groß genug und sein Platz zugänglich sein, sonst ist er uneffektiv für die
Transaktion.

Ein Barcode auf den Zähnen würde zu peinlichen Situationen führen, falls
Angestellte im Supermarkt versuchen, das Lesegerät an der Kasse in den Mund
des Kunden einzuführen."

Ein frappierender Humor. Der Hinweis auf die Notwendigkeit einer "schönen"
Ausführung scheint unverzichtbar. "Bei dem Patent wird ein Barcode mit
unsichtbarer Tinte auf den Arm tätowiert. Beim Kauf wird der Code gescannt und
mit anderen Codes verglichen, die in einer Datenbank gespeichert wurden. Wenn
die Eigenschaften des Barcodes mit denen auf der Datenbank übereinstimmen, ist
die Person identifiziert, und der Verkäufer kann das elektronische Bankkonto
des Käufers belasten . . . Natürlich würde die Methode auch bei sichtbaren
Tätowierungen funktionieren. Der Patentinhaber macht in diesem Fall nur den
Vorschlag, dass die Tätowierung in einem schönen Design ausgeführt werden
sollte. Mit einem Barcode wollen schließlich nicht alle herumlaufen."

Die Methode hat nach dem 11. September neue Interessenten gefunden. So erwägt
die US-Einwanderungsbehörde die unsichtbare Zwangstätowierung als
Ausweisersatz. Das regte den Philosophen Giorgio Agamben in seinem Aufruf in
Le Monde (SZ vom 10. Januar) zum Vergleich mit der Tätowierung der KZ-
Häftlinge an. Agamben sieht in der elektronischen Erfassung der
Fingerabdrücke, im Netzhaut-Scan, in der Unterhauttätowierung eine progressive
Vertierung des Menschen.

Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass all diese Techniken und Geräte
mühelos verbunden werden können. Das zeigen Modellprojekte wie Celldar oder
das körpergestützte Netzwerk BAN ("body area network"). Celldar ist ein
britisches System zur Fernerkennung von Personen und bewegten Gegenständen
durch Auslesen der Störungen zwischen Mobilfunk-Sendemasten. Entwickelt hat es
die Siemens-Tochter Roke Manor. Um eine Person aufzuspüren, muss sie bei
Celldar nicht einmal ein Telefon besitzen. BAN ist ein medizintechnisches
Großprojekt der Fraunhofer Gesellschaft. Mit in der Kleidung steckender RFID-
Technologie wird der Gesundheitszustand fern-überwacht. Das Handy funktioniert
dabei als Schnittstelle zu den Datenbanken der "überwachenden" Institution -
das ist in der Regel ein Krankenhaus. Krankenkassen, Drogenfahndung und
Finanzamt werden gerne mitlesen. In einer nächsten Ausbaustufe wächst BAN in
den Körper hinein. Als Energiequelle wird dann der Blutzucker dienen.

In der Vernetzung der Systeme ist die Konsumindustrie Avantgarde. Coca Cola
brachte eine Sonderedition auf den Markt, als Preisausschreiben getarnt. In
speziellen Dosen steckt ein Chip, der an eine Art Mini-Handy angeschlossen
ist. Zieht man den Deckel auf, wird der Ruf aktiviert, ein Softdrink-
Einsatzkommando lokalisiert den Konsumenten und rückt an, um den Gewinn zu
überbringen. Die US-Armee hat ihren Angehörigen den Verzehr von Getränken aus
solchen Dosen im Dienst verboten.

Ein Blick in die Firmen-Poesie der Chip-Vertreiber lehrt uns, wie wir trotz
legaler Bedenken zu schönen, glücklichen, selbstkontollierten Konsumenten
werden. Laut Produktinformation funktioniert ein VeriChip so: "Anders als
andere Arten der Identifizierung kann der VeriChip nicht verloren, gestohlen,
verlegt oder gefälscht werden. Ist er erst einmal platziert mit einem
schnellen, schmerzlosen ambulanten Eingriff, der sich wie ein schneller Schuss
anfühlt, kann der Chip mit einem geschützten Handscanner abgelesen werden. Ein
geringer Energiefluss vom Scanner weckt den Chip und sendet sein
unverwechselbares Signal, die VeriChipID. Die Veri-Chip-Abonnenten-Nummer
ermöglicht den direkten, passwort-geschützten Internet-Zugang zur Globalen
VeriChip Abonnenten Registratur und wir kommen dort zu deinen persönlichen
Daten."

Der RFID-Technologie kommt man womöglich am einfachsten über ihre Entfernung
nah. Wer sich ent-codieren lassen möchte, benötigt dafür einen Arzt. Zieht der
den gläsernen Spleiß aus der Haut des Kunden, ist dieser Vorgang der Kündigung
einer Einzugsermächtigung vergleichbar. Die Polizei verliert die Möglichkeit,
ihre "Ziele" im Überflug zu lokalisieren. Das Interesse vieler Institutionen
wird groß sein, dass man zeitlebens "chipped" bleibt, wenn dies erst einmal
den Grad gesellschaftlicher Akzeptanz erreicht hat. Freizeitkomplex, Bank,
Polizei und Gesundheitswesen können sich mühelos vernetzen. Eine klareres
Bild, eine gläsernere Person ist kaum denkbar.

Der Autor ist Künstler und lebt in Berlin. Er arbeitet an einer Ausstellung
über die "Technologien politischer Kontrolle".




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