Das Ende des Weges, welchen die Seele aus der Sichtbarkeit hinaus in ein unsichtbares Jenseits nimmt, erscheint schon da sehr ernst und Furcht aber auch Hoffnung erweckend, wo es, noch diesseits des Berggipfels, der das Jenseits vom Diesseits scheidet, dem leiblichen Auge bemerkbar ist. Es kommen da die Tage, welche jener alte Prediger (Salomo 12,1-8) "die bösen Tage" nennt, "wenn auf dem greisen Scheitel der (weissblühende) Mandelbaum (des grauen Haares) erblühet,... und alle Lust vergehet. Neue Wolken kommen immer wieder nach dem Regen, die Sonne und die Gestirne scheinen finster, denn es werden trübe die innern Lichter (Augen), welche durch die Fenster schauen; die beiden Türen (Lippen) nach der Gasse werden geschlossen. Müssig stehen die zermalmenden Müllerinnen (Zähne) im Munde, weil ihrer so wenig worden ist, die Stimme der Mühle wird leise, es bücken sich alle Töchter des Gesanges. Das ist die Zeit, da die Hüter des Hauses (die Hände und Arme) zittern und sich krümmen die Starken (die Beine); die Zeit, da man erwachet, wenn der frühe Vogel singt; und siehe, es ist eitel Schrecken auf dem Wege, die Kläger (Klageweiber), bereit zur Totenklage, gehen umher auf der Gasse; der Mensch muss nun wandern in sein ewiges Haus. Denn nur noch um ein wenig, und der silberne Strick (des lebendigen Odems) wird wegkommen, die goldene Quelle (das Herz) wird verlaufen, der Eimer und das Rad am Brunnen zerbrechen. Und der Staub kommt wieder zur Erde, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat. O Eitelkeit der Eitelkeiten," sprach der Prediger, "es ist alles eitel."
Der Zustand des hohen Alters, in seiner Abgeschlossenheit und Abgestorbenheit nach aussen, wird mit Recht mit jenen krankhaften Zuständen verglichen, da die Seele noch am hohen Tage des Lebens sich in die Nähe des Schattenreiches verirrt.*) Erreichbarer jedoch und näher noch der rufenden Menschenstimme (ist sie freilich in jenen krankhaften Zuständen) als da, wo sie am Abend des Lebens ihren einsamen Weg über das ferne Gebirge der Grenze geht .....
So gründet sich auch die geistige Verschlossenheit und Beengtheit des hohen Alters auf ein Zurückgezogensein in diesen innern Kreis, der sich noch während des Lebens des jetzigen Leibes zum künftigen Leibe der Ewigkeit bildet. Das innere Auge öffnet sich, während das äussere dunkel wird.
Es trägt in jede genossene Freude, in jeden Schmerz der Erde unsre Seele etwas von ihrer ewigen Natur und Kraft hinein. Darum ist das empfundene Entzücken in der Erinnerung so viel grösser und süsser, der Schmerz so viel ernster und geistiger, als beide in ihrem Erscheinen gewesen, Hoffnung öfters viel süsser als die Erfüllung selber. Aus diesem eigentümlichen Anbau, welchen die Seele auf ihr irdisches Leid und ihre Lust, auf ihre Sorgen und Hoffnungen gründet, wird dann jener innere Kreis gewoben, welcher von leichterer geistigerer Natur als die sterbliche Hülle, gleich der Luftblase, die am Boden des Wassers sich bildet, emporsteigt und durch die Hülle hinausdringt in die Region des Gleichartigen. Es ist der Zug eines Heimwehes nach der heimatlichen Luft; eines Heimwehes, welches zuletzt in der umgebenden Fremde nichts mehr sieht und bemerkt und welches, wie der Ungeborene, wenn der Drang nach dem Atmen der Luft erwacht, der Nahrung aus dem bisher ihn tragenden Mutterleibe nicht mehr begehrt. Denn wie das Auge, das hinaus in die helle Sonne gesehen, das Moos und Gestein der tiefen finstern Kluft nicht mehr unterscheidet, so hat zuletzt das innere Bedürfnis der Seele nach angemessener, ewiger Nahrung, wenn es unter Lust und Schmerzen gross gewachsen, zu den Dingen der äussern Sinnenwelt keine anziehende Kraft mehr, und diese nicht zu ihm .....
In jedem Falle ist das, was der Mensch auf seinem Wege durch die Sichtbarkeit erlebt, erfahren und innerlich erworben hat, unter der Schneerinde des Alters nicht verloren gegangen, sondern nur verborgen, und ein Sturmwind zerstreut öfters noch am Sterbebette diese verhüllende Decke. Dies hat die Beobachtung auch bei solchen Greisen erwiesen, in denen die Zuversicht von oben, der Stern in der Nacht, nicht lebte, bei solchen, mit deren krankem, nicht gereinigtem Vorhof, zuletzt während der Zurückziehung des selbstbewussten Geistes ins Innere, widerliche Mächte des Wahnsinnes und die Tierheit spielten. Die scheidende Seele blickte noch einmal mit voller Klarheit in ihre Vergangenheit hinein, und sprach ihre Hoffnung oder ihre Furcht aus. - Wir nehmen die Erinnerung, sowie die Folgen jeder Tat, jedes Wortes, aus dem Leben unsres Leibes mit uns hinein in den unsichtbaren, ewigen Kreis des Lebens der Seele. Die Hülle fällt, und der neue Mensch steht da, mit allem, was er durch das sterbliche Leben geworden.....
Der Weg zum Grabe gleichet zuletzt dem Steige über hohe, öde, wolkenbedeckte Gebirgsgipfel. Bei jedem neuen Absatze, der des Weges Ende schien und doch nicht war, verhallet immer mehr das Getön der lebendigen Stimme aus dem Tale, die freundliche Nähe der mitlebenden Welt verschwindet, statt der Bäume und Gesträuche nur noch niederes Moos und Flechten. Zuletzt ist da der Mensch mit Dem, der ihn richtet, allein.
Ein Steig über diese Gebirge, so sauer und mühsam er ist, gehet nach einem ewigegn Osten hin. Es fallen da öfters, noch diesseits des Gipfels, Strahlen der ewigen Morgensonne auf den nächtlichen Weg herüber, und ein erquickender Duft steigt von den Lebensbäumen des jenseitigen Tales der Ruhe auf.
Aus "Geschichte der Seele", Band I §22 der 4. Auflage
*) Schubert meint die Zustände des magnetischen Schlafes, die eine lange Zeit von der Wissenschaft geleugnet, jetzt unter dem Namen Hypnotismus wenigstens eine teilweise Berücksichtigung zu derselben gefunden haben.