So wird es also durch beständige Nachgiebigkeit und öftern Gehorsam gegen irgend einen schlimmen Hang möglich, dass der sonst freie Menschengeist ein ganz gebundenes, willenloses, unselbständiges Organ eines solchen Hanges (der Leidenschaften in ihren verschiedenen Abstufungen bis zur Monomanie) werde.
Jener Zustand der Gebundenheit, der allerdings an den des Wahnsinns nahe grenzt, entsteht meistens nach und nach, auf eine ähnliche Weise als jener des Wahnsinns und der fixen Idee dadurch, dass die Seele durch viele Übung des bösen Hanges, endlich zu der Fertigkeit gelangt, mit jenem Hange als herrschenden Gedanken am Morgen zu erwachen, mit ihm am Tage zu leben, mit ihm am Abend zu entschlummern, und so durch beständigen Umgang in ihn sich zu vergestalten. Dieser furchtbare Gemütszustand (z.B. des Mordtriebes), welcher öfters entstehen würde, wenn nicht während des irdischen Zustandes die Beschränktheit und Veränderlichkeit der körperlichen Kraft, und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände, an welche die Seele sich mit ihrem (irrenden) Hange festhalten kann, es verhinderte, ist nicht ohne einen gewissen, öfters sehr hohen Grad des geistigen Hellsehens, der zuweilen schon beim Wahnsinn gefunden wird.
Aber jene Schattenseite hat nun auch ihre Tagseite. Es gibt eine andere, selige Gebundenheit des Geistes (Apostelgesch. 20,22), wo der Menschengeist ganz ein freiwilliges Organ Gottes geworden, nichts anderes mehr zu denken, nichts anderes zu tun vermag, als was Gottes ist. Ein tiefer forschender Sinn erkennt, dass jene (nur dem irdischen Auge als eine solche erscheinende) Gebundenheit, eigentlich die wahre, höchste einzige Freiheit des (guten) Menschengeistes sei, dessen Willen mit dem göttlichen Willen Eins, erst dann den Sieg und die Freiheit errungen über das irdische Element. Auch diese selige Gebundenheit entsteht meist nur allmählich. Jeder Gedanke, jede Handlung aus Gott, macht den Menschen zu einer ähnlichen Handlung, einem ähnlichen Gedanken immer fertiger und geschickter; ist das Herz nur einmal recht treu der guten Stimme, die ihm Gutes gebietet, so wird die Stimme sogleich vernehmlicher, mächtiger; mit jeder neuen Treue wächst die Kraft und unwiderstehliche Wirksamkeit der guten Stimme im Herzen, und die Einheit des Menschenwillens mit dem Gottes-Willen. Endlich gelangt die Seele zu der glückseligen Fertigkeit, mit jener allmächtigen Liebe zu und aus Gott am Morgen zu erwachen, mit und in ihr am Tage zu leben und zu wirken, mit ihr als beständig herrschenden Gedanken, am Abend zu entschlummern, und so, durch beständigen Umgang in ihr Ebenbild sich ganz zu vergestalten. Treue, Übung, Beständigkeit in dem, was die gute Stimme sagt, macht den Menschen zu ihrem Organ, ihrem lebendigen mit empfangenden Gliede; die vorhin unfruchtbare Rebe trägt reife Früchte des ewigen Lebens und wird von ihrem Weinstock ewig nie wieder getrennt werden. Wenn schon jener oben erwähnte furchtbare Zustand der Geistesgebundenheit nicht ohne einen gewissen Grad des geistigen Hellsehens gefunden wird: welches geistige Licht, welches tiefe und allseitige Erkennen, wird erst diesen bessern Zustand begleiten, wo der Mensch Organ der Liebe geworden, welche alles sieht und erkennt!
Treue also, pünktliche Treue in dem Kampfe, den uns die Stimme der in uns wohnenden Gottesliebe gebietet, macht uns zu lebendigen Gliedern, gesunden Organen des einen Hauptes, welches ist Christus.
Glaube heisst das Band eigentlich, das diese ewige Vereinigung bewirkt*); Treue, Gehorsam, Liebe sind ja Eins mit dem Glauben an Ihn, Eines nie ohne das andere, Eines nie ausser dem andern. Ein Augenblick, ein einziger Augenblick nur der rechten Demut, des rechten Glaubens, der rechten Liebe könnte uns ebenso willkommen mit Ihm auf ewig vereinen, als der Kampf eines ganzen Lebens, der am Ende mit Sieg gekrönt wird. Sollte doch wohl hier, wo es sich um eine Ewigkeit handelt, die Zeit ein Mass sein? und ist der Augenblick, der eine, rechte, ernste Augenblick vor der Sonne der Ewigkeit etwas anderes als das Jahrhundert? Ja, wo rechter Glaube, da ist rechte Liebe, und rechte Liebe siegt über alles. Aber eben an diesem Glauben fehlt es uns gewöhnlich und Gott hat hier auf der Erde am meisten mit unserm Unglauben an Ihn zu tun.
Das Hindernis des Gottesglaubens ist der Glaube an die Welt, an uns selbst, an die Sünde. Die erste optische Täuschung, in welche der Mensch gewöhnlich verfällt, sobald er auf der Erde zum Bewusstsein erwacht, ist die, welche ihn glauben lässt: die wandelnden Formen der Welt, die ihn umgeben, seien das Wahre, das Rechte, das Bestehende; dann hält er die Gedanken, Gefühle, Handlungen, welche die ihn umgebende Welt (wie Licht- und Schattenbilder in einem Spiegel) in sein Herz hinein und wieder heraus strahlen lässt, für Wirkungen seines eigenen freien Willens, während doch nur der eigentlich freie (von der sterblichen Hemmung befreite) Wille unsres unsterblichen ewigen Geistes in der Einheit mit Gott gefunden wird; endlich, da doch nur in Gott Genuss ist, hält er die Sünde für Genuss, hält und liebt also die Sünde für Gott.
Von der ersten optischen Täuschung heilt uns zwar wohl, Gute wie Böse, das Vergehen des Leibes und des Lebens, denn damit wir geheilt werden von der alten Grundtäuschung, werden wir, nach unserm jetzigen Zustand in die Welt geboren. Schon von der zweiten ist jedoch die Heilung schwerer, da die in den geistigen Spiegel hineinstrahlenden fremden Farben auf eine wahrhaft, und, ohne Licht von oben, auf immer täuschende Weise, teilnehmen an der geistigen ewigen Natur des Spiegels. Wenn aber dann die Wandelbarkeit der irdischen Formen und des Leibes, welche hienieden das Einswerden des Willens und Geistes mit dem, worin dieser seinen Genuss, seine Liebe gefunden, noch hinderte, nicht mehr sein wird, wer soll dich Gebundenen an Geist, gebunden an die Lüge, an das Falsche, aus deiner willenlosen Gebundenheit erretten! Hältst du auch hier deinen bösen Gott für den guten, das, was du aus ihm wirkst für gut; - der Vorhang wird fallen, und der Herr des armen Sklaven wird kein guter sein!
Wir glauben nicht an Gott, weil wir an die Sünde, an uns, an die Welt glauben und sie lieben. Eins aber widerspricht dem andern vollkommen, denn jener Glaube sagt: in Gott ist Genuss, das andere aber vergeht; der andere sagt: hier ist Genuss. Armer Lauer! hier ist alles gewinnen, oder nichts: und kein Kämpfer wird gekrönt, er habe denn recht gekämpft. Aber der Kampf, der ja in einem Augenblick geendet wäre, wenn wir recht glaubten und mithin recht kämpften, wird gar schwer durch unser Wanken, unsere Untreue, unser Festhalten an dem falschen, dem guten widersprechenden Glauben. Ja, wir halten fest an der armen bunten Täuschung, und sie hält fest an uns, hält uns die Arme und Hände fest zusammen, dass wir nicht kämpfen mögen und können. Aber nur getrost; je stärker der Kampf, desto grösser der Lohn! du musst nur die Täuschung (es wird dir so schwer zu glauben, dass es eine ist) durch öfteres Betrachten in der Nähe erst als Täuschung, dich als Getäuschten, recht erkennen; darum wirst du so oft, so lange in demselben Kampfe geübt: dein so öfteres Wanken und Unterliegen, das dir so wehe tut, muss dich lehren, dass du die rechten Waffen noch nicht hast und führst, muss dich fest machen und stark.
Sei getrost und hoffe auf Ihn und kämpfe nur ruhig fort den guten Kampf; stehe immer wieder auf, wenn du auch fielst; endlich gibt Er dir, was du suchst. Obgleich schon jetzt das Wort, welchese viele Rätsel lösen kann, Glaube heisst, so werden wir doch erst jenseits ganz erkennen, warum der Kampf bei dem einen so kurz und bald zum Siege führend, bei dem andern so lang war. Indes habe du Mut und halte Glauben, du lange und schwer Kämpfender; du aber, Mitgenosse des lange Kämpfenden, habe Geduld!
*) Man beachte diese Erklärung des (lebendigen) Glaubens, der wohl zu unterscheiden ist von dem bloss historischen Glauben; der letztere hat nur als Vorstufe und Hülfsmittel für den ersteren Wert.