Die Antwort sprach: Nun tue auf deine inneren Augen und sieh, wo du bist.
In diesem Augenblick sah der Mensch, dass er gar weit geführt war in ein Tal und an einen äusserst hohen Berg; und es schien derselbe mit seiner Spitze den Himmel zu berühren. An diesem Berg sah er die grössten und höchsten Felsen liegen, je einen über dem andern bis obenan, und auf jedem Felsen wohnten Menschen. Und er sah, dass die allerschönsten, glänzendsten Bilder von oben herabfielen auf die Erde, und der Bilder waren viele; und sobald sie herabgekommen waren, wurden sie schwarz wie Kohle, und waren doch auf dem Berg so schön glänzend gewesen, dass der Mensch sie kaum ansehen konnte. Darum sprach er: Ach, Herzensliebe, was bedeutet dieses Wunder?
Antwort: Diese schönen, wonniglichen Bilder sind edle Seelen, die Gott geschaffen hat, und nach Ihm selbst gebildet, und die auf Erden in die Erbsünde fallen.
Der Mensch: Was bedeutet denn dieser grosse, hohe Berg, und die mächtigen Felsen, die daran liegen?
Antwort: Du musst es noch selbst sehen (doch nicht auf diese Stunde), wie gefährlich es um die Christenheit steht, und mit allen Menschen bis auf wenige; und wie alle christliche Ordnung in dieser Zeit vergangen und verkehrt ist, und wie wenig Menschen leben, die die Ehre Gottes suchen oder meinen und nicht sich selbst, in keinen Dingen.
Da wurden ihm auch gezeigt verborgene, heimliche Sünden, die er nicht schreiben durfte, von dem Elend der Leute, worüber er sehr erschrak im Innern, und es schmerzte ihn tief, und sein Jammer wurde gross, und er weinte Ströme von Tränen und war so krank, dass er zu sterben meinte. Da der Mensch wieder zu sich selbst kam, gab ihm Gott eine verborgene Kraft. Da stand er auf und fiel mit ausgespannten Armen zur Erde und sagte: Einzige, geliebteste Liebe meines Herzens, wäre es dein Wille, so möchte ich recht gerne heute noch Herz, Seele und Leib wagen für die Christenheit, dass du dich wollest über sie erbarmen, und sie sich bessern möchten.
Antwort: Was hülfe das? Gott hat doch all sein Blut vergossen und einen schmählichen Tod erlitten, und es ist gar wenig fruchtbar an denen, die jetzt leben. Denn sie haben Ihn gar vergessen in ihren Herzen und entheiligen mit dem Munde seinen Namen mit üblen Reden und Fluchen.
Der Mensch: Herzensliebe, erbarme dich über die Christenheit um deines bitteren Todes willen.
Antwort: Wie soll das Gott in die Länge dauern lassen? Du hast ja wohl gesehen, wie gefährlich alle leben ohne Gottesfurcht. Sie tun wider jede christliche Ordnung. Wer lebt nun noch nach den ersten Geboten?
Der Mensch: Ach, Herzensliebe, erbarme dich über die heilige Christenheit!
Antwort: Du bittest für die heilige Christenheit? Sage mir, wie heilig die Menschen sind, die in der Christenheit leben? Siehe an Laien und Geistliche. Ich will dich an die Höchsten weisen.
Von den Päpsten.
Sage mir, hast du viele Päpste gesehen in den letzten Jahren, die geheiligt waren, wie das früher der Fall war , da sie grosse Heilige wurden vor Gott?
Der Mensch: Ach, Herzensliebe, was ist der Grund?
Antwort: Ich sage dir, die Päpste, die vorzeiten waren und geheiligt wurden, die führten ein ganz anderes Leben als die gegenwärtigen. Jene waren mit allem Ernst besorgt, wie sie der Christenheit zu Hilfe kämen mit allem leiblichen und geistlichen Gut, das sie gewähren konnten, und von sich selbst ganz absehend, suchten sie in all ihrem Tun vor allen Dingen die Ehre Gottes. Da sahen sie nicht an Freunde, Macht, Gut und Ehre. All ihr Tun war zu Gott gerichtet mit ganzem Gemüte, und allezeit standen sie in seinem Willen. Ehe sie wider Gott etwas getan, hätten sie lieber einen schmählichen Tod erlitten, was auch einigen geschah. Du sollst aber wissen, dass jetzt in dieser Zeit das Licht rechter Ordnung völlig in ihnen erloschen ist. Siehe, ob sie nun etwa eine grössere Sorge haben als die, dass sie in Ehren bleiben und für sich selbst besorgt sind, viele Güter zu gewinnen, dass sie ihren Verwandten zu Hilfe kommen mit Ehren, Gütern und Gewalt, statt im Innersten Gottes Ehre zu suchen. Sie denken in all ihrem Tun und Lassen viel mehr an sich als an die Christenheit, und darum werden sie auch nicht geheiligt.
Von den Kardinälen.
Die Antwort: Siehe nun weiter die Kardinäle, die in der jetzigen Zeit leben. Siehst du etwa, wie sie danach streben, dass Gott seine Gnade in sie giesse und seine geheimen Werke in ihnen wirken möge? Sie sind jetzt gar verblendet mit Habsucht und Hoffart, und dass sie ihren Freunden zu grossen, weltlichen Ehren verhelfen, und richten ihren Sinn darauf, Papst zu werden. Sonst, wenn ein Papst abging, so erschraken die Kardinäle von Grund ihres Herzens und fürchteten, Gott möchte über sie verhängen, dass man sie zum Papste nähme und erwählte; und dies demütige Wesen kam aus einem guten Grund, denn sie hielten sich für unwürdig. Und wenn man einen Papst wählen musste, so fielen sie mit allen Gottesfreunden Gott zu Füssen, dass Er ihnen einen bestimme zu seiner Ehre und nach seinem Willen. Das taten sie, weil sie nichts als Gottes Ehre suchten. Wo ist nun die Ordnung in dieser Zeit? Völlig vergessen! Die Päpste sollten vielmehr von Gott erwählt sein denn von den Leuten, wie früher auch geschah.
Von den Bischöfen.
Die Antwort: Nun siehe weiter die Bischöfe an. Sie sollten Tag und Nacht besorgt sein, Hilfe zu tun ihren Untertanen mit Rat und heiliger Lehre, dass sie im Christenglauben bleiben und darin befestigt würden; und wo es bei ihnen nicht zureicht, so sollten sie Lehrer suchen, die die Lehre mit ihrem Leben erfüllten und bestätigten; denen sollten sie Gewalt geben und sie bitten, ihnen zu helfen. Und sie selbst sollten ein reines, keusches Leben führen, dass alle diejenigen, welche es von ihnen sähen und hörten, gebessert würden. Sie sollten allezeit Gott und seine Ehre vor allen Dingen lieben und suchen, und nicht sich selbst. Diese Lebensweise ist aber ganz vergessen, denn sie lieben und suchen Gut, Ehre, Freunde und Förderung ihrer weltlichen Gewalt, statt um die Seelen zu sorgen, für die Gott sein Blut vergossen, und die ihnen anbefohlen sind. Wenn ein Bistum frei wird, wie unrechtmässig danach geworben wird, das weiss Gott wohl. Darum, weil es zu einer solchen Gewohnheit gekommen ist, so lässt es Gott gehen wie es geht. Zuvor musste sie Gott zur Uebernahme eines Bistums zwingen, darum war Er ihnen geneigt, und sie wurden grosse Heilige vor Gott.
Von den Äbten.
Die Antwort: Siehe nun weiter, wie man in den Klöstern lebt. Wenn ein Haupt stirbt, so sind auf der Stelle zwei da und fallen in einen Krieg, und jeder will es sein, und sie bringen das Kloster in grossen Schaden und zeitliche Armut. Zuvor, wenn man ein Haupt wählen sollte, und die Wahl auf sie fiel, so taten sie alles, was sie vermochten und soviel sie durften vor Gott, dass man sie dessen erliess; und sie mussten durch die Pflicht des Gehorsams gezwungen werden. Wenn es nun nicht anders sein konnte, so nahmen sie die Weisesten und Heiligsten zu Rate, und gingen selbst aus, das Wort Gottes zu lehren.
Der Mensch: Herzensliebe, lass dich das erbarmen!