Das Erbe, Teil IIIIIII (7)


  Endzeitprophetie  

Geschrieben von Klingeling am 10. Dezember 2005 09:26:54:

Als Antwort auf: Das Erbe, Teil IIIIII geschrieben von Klingeling am 04. Dezember 2005 08:23:14:

.... Andrea hielt schon eine Weile inne mit seiner Arbeit und beobachtete den Pfarrer. "Nehmt, was Ihr nötig habt, vom andern reden wir später", so hatte er vorhin gesagt, und er hatte es ehrlich gemeint. Gerne hätte er dem Pfarrer den Dienst getan und ihm die Erde umsonst überlassen; aber wie er hinüberswchaute, den Pfarrer dort so nachdenklich stehen, die Bänne erleichtern und dann schliesslich doch wieder nachfüllen sah, da wusste er sich die Sache zu deuten. Also auch der wie die andern!

Als der Pfarrer mit der Last beim Holzplatz vorbeifuhr, da gab ihm der Pitschen einen spöttischen Blick. Der Pfarrer errötete leicht. Er spürte es selber: der Pitschen hat dich erkannt, und er schämte sich ehrlich. Der Andrea aber liess den Holzklotz, den er eben in den Händen hatte, zur Erde fallen und schwang die Axt, dass sie tief in den Scheitstock fuhr. Die Arbeit war ihm verleidet. Er liess alles liegen und ging hinunter zum Stall.

Der Pfarrer führte in den nächsten Tagen eine Bänne mit Erde nach der andern, und zwar füllte er keine mehr bis zum Rand. Es wäre ihm lieb gewesen, wenn der Pitschen ihm begegnet wäre, aber der tat ihm den Gefallen nicht. Eine stille Wut hatte sich seiner bemächtigt, und er verbiss sich immer mehr in den Gedanken, dass er überall und bei jdermann als Geizhals verschrien sei. Nun mag der Pfarrer zahlen, was sich gehört, dachte er; kein Batzen wird ihm geschenkt.

Ende der Woche brachte der Pfarrer die Bänne zurück und fragte, was er schuldig sei. Die Lisa musste erst lange suchen, bis sie den Andrea in der Scheune fand. Der Pitschen nannte den Preis; er rechnete die Zahl der Bännen.

"Der Herr Pfarrer wird zahlen wollen, was recht ist", schloss er seine Rede und warf einen forschenden Blick auf sein Gegenüber. "Er wird wohl zum voraus gedacht haben, dass vom Pitschen kein Geschenk zu erwarten sei."

Dem Pfarrer wurde heiss und kalt. Hätte er ein gutes Gewissen gehabt, so würde er gerne entgegnet haben; es ist kein Mensch zu alt, um vom gewohnten Weg abzugehen, wenn er fühlt, dass es der unrechte ist. So aber zahlte er schweigend den Betrag und machte, dass er davon kam. Die Lisa Pitschen stand traurig zur Seite. Sie hatte sich so darüber gefreut, als der Pfarrer mit seinem Anliegen zu ihrem Manne kam. Freilich, er war von drüben her gekommenn aus dem Hause der Nina Schorsch, und was von dort her kam, brachte nie Glück für die Pitschen.

Wie die Lisa jetzt so darüber nachsann, da kam ihr etwas anderes in den Sinn, etwas, das vor einigen Jahren geschehen war, und es drängte sie, dem alten Erlebnis wieder einmal nachzuspüren. In dem dunkelsten Winkel des Treppenhauses, dort, wo man hinuntergeht zur Stalltreppe, stand ein hoher brauner Schrank. Wer sich nicht besonders Mühe nahm, ihn anzuschauen, sah nur seine massigen Formen aus dem Halbdunkel hervortreten und hatte keine Ahnung von seiner Schönheit. Wer aber mit dem Licht in der Hand in die Nähe trat, gewahrte, dass die Füllungen der Türen aufs feinste geschnitzt waren, und dass sich oben ein Fries von Nelken und Tulipanen hinzog. Die Türen dieses Schrankes waren verschlossen, aber es wurde nichts darin verwahrt. Seit Jahren stand er dort unten, ohne etwas zu nützen und ohne ein Auge zu erfreuen. Die Lisa versetzte sich in Gedanken in die Zeit zurück, da sie als ganz junge Frau ins Haus gekommen und zum ersten Mal mit Bürste und Wasser daran gegangen war, das Treppenhaus zu reinigen. Damals hatte sie den vergessenen Schrank entdeckt und die schöne Schnitzarbeit daran eingehend betrachtet. Sie wunderte sich darüber, dass ein solches Stück in der untersten Ecke des Hauses stand, und dass kein Mensch davon sprach. Am liebsten hätte sie sogleich ihren Mann gerufen, mit ihm zusammen den Schrank ans Licht gezogen und ihm einen würdigen Platz gegeben. Aber der Andrea war eben aufs Feld gegangen, und so besannn sich die Lisa, ob sie ihn mit dem schönen Möbelstück überraschen wolle, und war nahe daran, es in die Schlafkammer hinauftragen zu lassen. Sie freute sich im geheimen auf den erstaunten Blick, den der Andrea ihr zuwerfen würde, wenn er den Gast in der Kammer gewahr würde. Aber eine gewisse Scheu vor dem Eigentum ihres Mannes hielt sie davon ab, diesen Plan auszuführen. Sie zog den Schrank, so gut sie konnte, von der Wand hervor und unterwarf ihn einer gründlichen Reinigung. Jetzt trat die ebenmässige Form und die Schönheit der Zeichnung so recht zutage, und die Lisa konnte den Augenblick kaum erwarten, wo sie ihren Mann auf diesen unerkannten Schatz in seinem Hause aufmerksam machen durfte. Wer mag die grosse Mühe und Ausdauer auf diese Schnitzarbeit werwendet haben, dachte sie, und wie lieb muss ihm mit der Zeit dieser Schrank geworden sein.

Kaum war der Andrea zur Haustüre hineingetreten, rief ihm die Lisa zu: "Wie wirst du dich freuen über das, was ich heute entdeckt habe. Es ist etwas ganz selten Schönes." Erstaunt folgte der Andrea seiner Frau; aber wie er zu der Treppe kam und den sauber gewaschenen Schrank erblickte, der sich nun auf dem Treppenabsatz breit machte, wurde sein Gesicht finster und verschlossen. "Der Schrank bleibt, wo er ist," sprach er rauh, "der dunkle Winkel ist für ihn eben gut genug."

Die Lisa erschrak. Noch nie war ihr der Andrea so unfreundlich begegnet.

"Was hast du gegen den Schrank?" fragte sie, "ich habe noch keinen so schönen gesehen; ich möchte ihn gerne hinaufnehmen in unsere Kammer; er würde ihr wohl anstehen."

Der Andrea war schon daran, den Schrank wieder an seinen gewohnten Platz zu stellen. "Der Kasten bleibt, wo er ist", sagte er kurz und stieg die Treppe wieder hinauf.

Stillschweigend beendigte die Lisa die unterbrochene Putzarbeit, und als sie die Treppe fertig aufgewaschen hatte und wieder bei dem Schrank vorbeikam, warf sie einen scheuen Blick darauf.

(Fortsetzung folgt)




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