Das Erbe, Teil IIIII


  Endzeitprophetie  

Geschrieben von Klingeling am 03. Dezember 2005 16:14:30:

Als Antwort auf: Das Erbe, Teil IIII geschrieben von Klingeling am 26. November 2005 10:29:28:

In der Bank hinter ihr sass die Nina Schorsch und warf ab und zu einen besorgten Blick hinüber zu ihren fünf Buben, die unruhig auf der Bank herumrutschten und das Lachen verhielten, als der Kirchenratspräsident seine Ansprache hielt. Er war freilich das Sprechen in der Kirche nicht gewohnt und verlor mitten in seiner Rede für einen Augenblick den Faden. In seiner Verlegenheit kratzte er sich die Glatze.

Das war zu viel für die Buben. Sie fühlten, dass es mit ihrer Fassung vorbei war. Da liess der älteste von ihnen wie von ungefähr seinen Hut zu Boden fallen und verkroch sich unter die Bank, um ihn heraufzuholen. Unterdessen fand der Herr Kirchenratspräsident das richtige Wort, und Frau Nina sah mit Erleichterung, dass ihre Sprössslinge den nötigen Ernst wieder hatten. Es ist aber auch unverantwortlich vom Präsidenten, dachte sie, sich so zu benehmen; fast hätte er meinen Buben in eine missliche Lage gebracht. Nun durfte sie sich aber mit Behagen einer anderen Betrachtung hingeben. Sie schaute zu der Kanzel hinauf, wo ihre Nelkenstöcke prangten, und dachte mit Stolz: ob der Herr Pfarrer wohl weiss, dass es alles meine Nelken sind, die heute die Kanzel schmücken? ich will es ihm dann gelegentlich einmal sagen. Ja, bei uns im Haus, da findet man noch zu manchem Zeit ausser zu der Kindererziehung.

* * *

Der Rosenstock der Lisa Pitschen stand längst wieder an seinem Platz am Erkerfenster, und alles ging seinen gewohnten Gang. Schon hatten sie sich im Dorfe an den Pfarrer gewöhnt und waren überzeugt, dass er ihnen nichts Neues zu sagen hätte, und wenn sich der Pfarrer an den ersten Sonntagen über den regen Kirchenbesuch gefreut, so war er davon längst abgekommen. Das ist ein schwieriges Völklein, dachte er. In der Kirche lassen sie sich selten sehen, und wenn ich bei einem Hause vorbeikomme und Miene mache, hineinzugehen, so ist die Hausfrau die erste, die mir die Türe wie zufällig vor der Nase zuschliesst.

Nur die Frau Nina Schorsch war etwas zugänglicher. Es war ihr nicht so recht, dass ihre Buben beim Schullehrer schlecht angeschrieben waren, und sie benutzte gerne die Gelegenheit, um sie beim Herrn Pfarrer ins richtige Licht zu stellen.

"Kommt herein in unsere Stube", sprach sie, "es ist zwar einfach genug darin, man hat Arbeit mit der Landwirtschaft und kommt wenig dazu, an sein eigenes Behagen zu denken."
"Ihr habt aber doch so schöne Nelkenstöcke unter den Fenstern," sagte der Pfarrer, "ihre Pflege gibt gewiss auch Arbeit."
Die Nina Schorsch nickte erfreut. "Sie haben am Tage Eures Empfangs auf der Kanzel gestanden und sind mein einziger Stolz, ausser den Buben natürlich; denn wir haben fünf Buben, und das ist eine Aufgabe für die Mutter. Freilich, unsere Kindern sind gut geartet, wenn schon der Lehrer es nicht glaubt. Er sieht eben nur die äussere Schale, aber eine Mutter sieht in die Tiefen, wo der Kern ruht."

Dem Pfarrer wurde unbehaglich bei diesem Gespräch. Er kannte die fünf Buben vorläufig nicht, auch schien ihm, als habe sich vorhin der geblümte Vorhang bewegt, der den Ofen und die kleine Treppe nach der Kammer umschloss. Hinter dem Vorhang sassen nämlich behaglich die zwei Jüngsten der Frau Nina und hörten, wie die Mutter unten dem Pfarrer ihr Loblied sang, und sie waren erstaunt, was für gute Eigenschaften ihre Mutter ihnen andichtete. Besonders verwundert war der Zweitjüngste, der Gustin. "Jetzt hat die Mutter grad heute morgen zu mir gesagt," dachte er, "es nehme sie nur wunder, von wem ich das Lügen habe, denn sie und der Vater seien die Wahrheit selbst, aber jetzt weiss ich es besser."

"Frau Schorsch," sprach jetzt unten in der Stube der Pfarrer und gab dem Gespräch eine andere Wendung, "wisst Ihr niemand im Dorfe, der mir gute Erde für meinen Garten beschaffen könnte?" Die Frau besann sich, dann wies sie mit der Hand zum Hause des Andrea Pitschen hinüber: "Fragt bei dem da drüben an; er hat kürzlich einen Stall gebaut und die Erde liegt noch unverwendet neben seinem Holzplatz. Aber seht Euch vor, dass Ihr zu Eurer Sache kommt, der Pitschen gibt nichts geschenkt."

Der Pfarrer schritt über die Strasse und öffnete drüben am Hause der Pitschen den oberen Torflügel. "Holla", rief er in den Hausgang.
Die Lisa Pitschen trat aus der Küche und trocknete hastig ihre Hände an der Schürze ab, "Kommt der Herr Pfarrer zu uns," sprach sie, "das freut mich aber."
"Ich komme wegen meinem Garten", sagte der Pfarrer. "Ich möchte ihn baldmöglichst in Ordnung bringen, aber da liegt stückweise fast keine Erde in den Beeten, nur Sand und Steine. Nun hat mir die Frau Schorsch da drüben, Eure Nachbarin, den grossen Erdhaufen gezeigt, den Euer Mann aufgeführt hat, als er den neuen Stall baute. Von dieser Erde könnte ich ihm vielleicht abkaufen."

Die Lisa Pitschen errötete leicht, als sie den Namen Frau Schorsch nennen hörte, und es fiel ihr wie ein Schatten auf ihre Freude.

"Mein Mann wird Euch gewiss gerne davon abtreten", antwortete sie und begleitete den Pfarrer hinunter zum Holzplatz, wo der Andrea an der Arbeit war.

Wie der Pitschen das Anliegen des Pfarrers vernahm, war er sofort bereit, darauf einzugehen. Dienstbereit holte er die Stossbähne herbei und reichte dem Pfarrer die Schaufel. "Nehmet, was Ihr davon nötig habt," sprach er, "vom andern reden wir später. Ich habe jetzt sowieso keine Verwendung für diese Erde. Auch die Bänne brauche ich dieser Tage nicht; da könnt ihr gemächlich fahren damit, bis Ihr fertig seid." Dann ging er hinüber zum Holzplatz und nahm seine Arbeit wieder auf.

Der Pfarrer ergriff die Schaufel und begann mit Eifer die Bänne zu füllen. Nach einiger Zeit versuchte er sie zu heben und merkte, dass sie für seine Kräfte schon reichlich schwer war. Er langte nochmals zur Schaufel und kratzte etwas Erde herunter, um die Last zu erleichtern. Da kam ihm die Frau Nina in den Sinn: "Ihr müsst Euch vorsehen, dass Ihr zu Eurer Sache kommt," hatte sie gesagt, "der Pitschen gibt nichts geschenkt."

Der Pfarrer zögerte. Wenn der Pitschen den Preis nach der Zahl der Bännen rechnet ....

(Fortsetzung folgt)





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