52. Vision des Bruders Johannes von La Vernia
• Gerichtszeit
Geschrieben von albamireia am 09. Juli 2004 18:24:53:
"Die Blümlein des heiligen Franziskus von Assisi"
52. Kapitel
Von der Vision des Bruders Johannes von La Vernia, in welcher er das Wesen der Dreieinigkeit erkannte.
Weil der obengenannte Bruder Johannes von La Vernia so vollkommen aller irdischen und zeitlichen Freude und Tröstung entsagt und in Gott allein alle seine Liebe und Hoffnung gesetzt hatte, so schenkte ihm Gottes Güte wundersame Tröstungen und Offenbarungen, besonders an den Festen Christi.Einst nahte die Weihnachtszeit, in der er fest von der Menschwerdung Christi einen Trost für sich erhoffte, als der heilige Geist ihm in seine Seele eine solche überwältigende Liebe und Inbrunst für die Opferliebe Christi senkte, in der er sich erniedrigt hatte, unsre Menschlichkeit auf sich zu nehmen, dass es ihm schien, als werde ihm die Seele aus dem Leibe gerissen und als glühe sie wie ein Ofen. Da er diese Glut nicht zu ertragen vermochte, verzehrte er sich völlig in Angst und schrie mit lauter Stimme; denn vor der Gewalt des Heiligen Geistes und der grossen Glut seiner Liebe vermochte er sich des Schreiens nicht zu erwehren. In derselben Stunde aber wie dieses Feuer überkam ihn so stark und gewiss der Glaube an sein Heil, dass er nicht einmal nach seinem Tode durch die Strafen des Fegefeuers gehn zu müssen vermeinte. Diese Liebesfülle aber währte bei ihm wohl sechs Monate, obzwar er nicht beständig in jener überwältigenden Glut war, diese ihn vielmehr zu gewissen Stunden des Tages ergriff. Dann empfing er wunderbare Heimsuchungen und Tröstungen von Gott und geriet oft in Verzückung, wie ihn jener Bruder gesehen hat, der diese Dinge das erstemal niederschrieb.
Unter anderm wurde er eines Nachts so in Gott erhoben und verzückt, dass er in ihm als ihrem Schöpfer aller Dinge Himmels und der Erden, alle ihre Vollkommenheiten, Grade und Ordnungen sah. Und er erkannte klar, wie in jedem Ding sein Schöpfer gegenwärtig ist und wie Gott über und in und ausser und um allem Erschaffenen ist. Damit begriff er den einen Gott in drei Wesen und die drei Wesen in einem Gott und die unergründliche Liebe, die den Sohn Gottes hatte Fleisch werden lassen auf des Vaters Geheiss. Endlich aber erkannte er in dieser Vision, dass es keinen andern Weg gibt, auf dem die Seele zu Gott und dem ewigen Leben zu gelanen vermag, als durch Christus, der da ist unsrer Seele Weg, Wahrheit und Leben.
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