Re: Wohlfühl-Zeitalter - oder Endzeit? Fortsetzung
Endzeitprophetie
Geschrieben von albamireia am 28. Oktober 2005 09:59:43:
Als Antwort auf: Wohlfühl-Zeitalter - oder Endzeit? geschrieben von Epidophekles am 06. Oktober 2005 11:16:06:
Göttliches Gelächter
Die Spassfrage zielt am wahren Problem vorbei: Den Kirchen ist ihr Auftrag abhanden gekommen / Von Ludwig Hasler
Was sind das bloss für Fragen? Ob Gott eher «ungemütlich» sei oder eher «einladend», darüber lässt sich streiten. Doch ob Religion, ob Gottesdienst «Spass» machen solle, müsse, dürfe, das ist eine richtige Quatschfrage.Wer nur flüchtig die Geschichte der Religionen überfliegt, weiss: Den Tempeln der Götter war nichts Menschliches fremd. Einkehr und Ausschweifung, Kasteiung und Ekstase, Kontemplation und Sinnenzauber. Nicht immer lagen die «Gläubigen» fromm auf den Knien; oft trieben sie es toll, sinnlich, irdisch, ausgelassen – auch christlich, zum Beispiel während der Fasnacht. Nur, mit «Spass» hatte weder das eine noch andere zu tun.
Spass ist eine Spiesser-Kategorie. Nach dem Motto: Wir wollen «ein bisschen ausgelassen» sein, gerade so viel, dass wir nicht aus der Fassung geraten. Religion, auch die christliche, war stets gegen das «bisschen». Sei heiss oder kalt, niemals lau. Religion will – ob ekstatisch oder andächtig – den verwandelten Menschen. Raus aus der pragmatisch vermickerten Alltagsform, hinein in die göttlich gesteigerte Hochform.
Diese traditionelle Resolutheit mag in der allgegenwärtigen Spasskultur mühsam durchzuhalten sein. Doch eine Religion, die mit Thomas Gottschalk wetteifert, wird überflüssig. Spassig unterhalten kann Fernsehen einfach besser. Was der Kirche bleibt, ist die Verzauberung biografischer Sondertage: hübsche Taufe, Hochzeit in Weiss, stattliches Begräbnis. Zwischendurch sonntägliche Gospelklänge, Suaheli-Rhythmen.
Wo bleibt das Geheimnis?
Angeblich lebt die Kirche aus dem, was sie das «Geheimnis des Glaubens» nennt – im Kern das göttliche Drama von Tod und Auferstehung. Darin sollen die Gläubigen eine geistige Heimat finden, Halt und Trost in Krisen, Verständnis für Leben und Tod. Doch ausgerechnet mit ihrem mystischen Kern tun sich die Kirchen am schwersten. Wann je springt im Gottesdienst der Funke über? Da wird so grenzenlos verständig geredet, als sässe man in der Migros-Clubschule, Kurs Psychologie.Dabei ist die Nachfrage nach Spiritualität enorm. Der traurige Eugen Drewermann ist ein Publikumsmagnet. Der Menschenauflauf bei Kirchentagen sucht seinesgleichen. Was aber läuft in den Kirchen? Ist da etwas geheimnisvoll Göttliches spürbar? Oder glänzt es – trotz kirchlichem Betrieb und karitativer Betriebsamkeit – durch Abwesenheit? Es ist doch auffällig, wie gerade religiös empfängliche Zeitgenossen sich in esoterische Zirkel verlaufen. Wie viele sich im tibetischen Götterhimmel besser beheimatet fühlen als in der christlichen Dreifaltigkeit. Menschelt es zu sehr in christlichen Gottesdiensten? Könnte sein. Das psychologisierende Nettigkeitsgerede streift nicht einmal den mystischen Kern. Der wäre alles andere als nett, er macht erschaudern.
Christentum ohne Ernst
In der 68er-Bewegung suchten Theologen (Jürgen Moltmann, Dorothee Sölle) die Reform in einer politisch gewendeten «Theologie der Hoffnung». Der reale Sozialismus hat diese Hoffnung desillusioniert, seither entschwinden der Kirche die Visionen. Oft bleibt nur die versimpelte Botschaft: Gott hat dich lieb, alles wird gut. Was daran christlich sein soll, bleibt schleierhaft. Es ist zu rosarot, zu bieder, zu wellnesshaft – ohne existenziellen Ernst, ohne kosmische Dimension, ohne Nacht. Ohne Sterne.Da lese ich mit unendlich viel mehr Gewinn Dostojewskis «Brüder Karamasow». Die kannten noch das Drama zwischen dem Animalischen von unten und dem Numinosen von oben. Die Vertikale. Ohne sie kann die Kirche sich pensionieren lassen.
Warten auf bessere Zeiten
Einst gehörte zum Auftrag der Kirche die Prophetie. Der Prophet legt den göttlichen Massstab an gesellschaftliche und religiöse Machthaber. Unbeirrt zieht er her über Ungerechtigkeit, Heuchelei, Vorteilnahme. Er geht auf Distanz zu den weltlichen Mächten, meidet Ämter und Pfründen. Das kostet Mut und – wie die Bibel zeigt – manchmal auch den Kopf.Doch aus zornigen Propheten sind Kirchenverwalter und Amtsleiter geworden. Don Camillo existiert nur noch im Film. In der Realität dominieren brave Funktionäre. Wahrscheinlich wissen sie sehr wohl, wie suspekt das ist. Was aber sollen sie tun? Die Zeiten sind vorbei, als die Welt auf die Kirche hörte. So ziehen sie sich warm an, bedienen den Gefühlshaushalt der restlichen Schäfchen und warten auf bessere, das heisst schlechtere Zeiten.
Leisten können sie es sich. Das erweist sich jetzt als Pferdefuss. Den lieben Gott verwalten, auch wenn niemand nach ihm fragt? Ein prophetisches Büro mit Öffnungszeiten und Sekretärin? Aus dem Ringkampf mit der Macht ist Umarmung geworden. Das Wohlergehen der Mutter Kirche liegt Vater Staat am Herzen. Er zieht für sie die Steuern ein, bildet kostenlos ihre Theologen aus, unterrichtet die Kinder im richtigen Glauben, räumt der Religion einen festen Platz im Rundfunk ein, schützt ihre Feiertage.
Und die letzten Dinge?
Kann man alles machen. Doch mit welcher Glaubwürdigkeit spricht dann eine derart verhätschelte Kirche? Nicht ohne Grund empfinden es manche als Frechheit, wenn Kirchenleute dafür weibeln, dass gestressten Konsumenten die Tankstellenshops an Sonntagen verschlossen bleiben. Sie machen ja sonst alles mit. Jetzt auch noch die Spass-Kultur. Umso komischer wirkt es, wenn sie mal gegen den Strom schwimmen. Gegen den Krieg in Irak demonstrieren, das war gratis, da waren sowieso alle dagegen. Gut gemeint, folgenlos. Der prophetische Geist meint gar nichts, er handelt. Aus einer Inspiriertheit, die nicht dem Konsens der Gutgesinnten entspringt.Die letzten Dinge, um die in den Kirchen gezankt wird, sind nebensächliche Dinge. Fragen wie die nach der Duldung schwuler Pfarrer. Statt Höhengerichtetheit und heiliger Zorn des Propheten: Frust der Beamten und Lamento der Kleingläubigen. Statt mit der Vertikale beschäftigen sich Kirchen mit sich selbst und verspielen ihren Kredit.
Wer die Debatte um Spass oder Spassverbot im Gottesdienst in dieser Kulisse betrachtet, kapiert rasch: Das Spassaufgebot ist nichts als Kompensation eines entlaufenen Auftrags. Darüber sollte ein göttliches Gelächter ausbrechen. Nicht nur zum Spass.
Ludwig Hasler ist Publizist, «Weltwoche» Autor und Hochschuldozent für Philosophie und Medientheorie.
- Endzeit, weil anonym 28.10.2005 19:41 (1)
- Re: Endzeit, weil Frieden 28.10.2005 20:28 (0)
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