Zurück und verwirrt
Endzeitprophetie
Geschrieben von Meer am 05. September 2005 22:43:25:
Als Antwort auf: ... und in Westmalle geschrieben von Meer am 03. September 2005 11:47:04:
Als wir an die Klosterpforte pochten, war die Sonne bereits untergegangen. Am klaren Himmel leuchtete der große Glanz der ruhigen und reinen Abendstunden. Die Bäume standen regungslos in dem wie Edelstein schimmernden Licht, die Äcker lagen verlassen da. Eine tiefe, volle Stille hing über dem großen Kloster mit seinen Gebäuden, seiner Kuppel, seinen ummauerten Gärten. Ein Bruder öffnete, und einer von uns sagte zu ihm, daß wir erwartet würden. Er nickte schweigend, und nachdem er die Pforte wieder geschlossen hatte, ging er uns voran über einen Kiespfad, der an einer hohen Mauer entlang einen stillen, verlassenen Garten abgrenzte, zu dem Gästehaus. Erst führte er uns in eine sehr kleine Kapelle und bot unserem katholischen Gefährten, der dem Bruder leise zuflüsterte, daß die beiden andern Besucher nicht katholisch seien, Weihwasser dar. Er nickte und blickte uns flüchtig an, dann kniete er nieder und betete. Durch eine kleine vergitterte Öffnung sah man die Kirche der Mönche. Eine weiße Gestalt, die uns den Rücken zukehrte, lag betend in den Chorbänken, das Antlitz dem fernen Altar zugewendet, vor dem das rote Lämpchen brannte. Darauf führte uns der Bruder Pförtner in das Gästehaus zum Wartezimmer, sagte mit leiser Stimme, daß er den Gastpater verständigen wolle, grüßte und verließ uns.
Wir warteten schweigend. Ich stand vor dem Fenster und blickte hinaus in den Garten. Über der Mauer, die das Kloster umschloß, war der Himmel so rein, so tief, so herrlich leuchtend. Ich war eingetreten in eine fremde Welt des Friedens. Ich dachte an die Städte, an das wilde Jagen der Menschen, an Christine, an das Leben, an die Freunde; eilende Gedanken blitzten durch Zeit und Raum nach allen Seiten, und ich stand hier in dem Klostergemach, und in meinen Augen spiegelte sich das ruhige Licht wider. Mir war fremdartig zu Mute.
Freundlich und mit schlichter Gebärde empfing uns Pater Aloisius, der Gastpater. Er hatte im Eßzimmer einen Krug Bier und Gläser bereitstellen lassen und trank uns den Willkomm zu. Ruhig, die Hände in den Gürtel gesteckt, stand er vor uns. An seinem Gesicht war nichts Auffallendes, doch frappierten mich seine Augen, ruhige, klare Augen, die den fragenden Blick eines Kindes hatten. Er sagte uns Bescheid wegen der Stunde des Abendessens, wonach die Komplet stattfindet. Darauf legte man sich zur Ruhe. Denn für die Mönche begann der Tag wieder früh. Um ein Uhr nachts begannen die Metten. - "Wenn Sie diesen beiwohnen wollen, werde ich Sie eine Viertelstunde vorher wecken lassen. Jetzt haben Sie noch ein wenig Zeit, durch den Garten zu gehen bis zum Abendessen. Das Wetter ist schön."
Wir begaben uns hinaus, und während wir nebeneinander über die sich windenden Gartenpfade einher schritten, tauschten wir unsere Eindrücke aus. Dort, in jener Umgebung, fühlte ich mich fern von allem, was ich als Wirklichkeit kannte. Das Leben stand in einem andern Licht, ich ahnte eine Welt, von der ich nichts wußte, ja, deren Existenz mir vollkommen unbekannt war, die aber über die Maßen schön sein mußte. Die Freude über das, was ich alsbald hören und sehen würde, erfüllte mich mit Glück. Freudig überließ ich mich diesem Gefühl.
Alsbald läutete die Glocke zur Mahlzeit, und wir kehrten in das Hospitium zurück. Nach dem Essen zeigte uns der Gastpater den Weg zur Kapelle, die wir von unsern Plätzen aus völlig übersehen konnten. Schon traten die Mönche, je zu zwei und zwei, ein. Sie verneigten sich ehrfurchtsvoll vor dem Altar und grüßten den Abt mit einer tiefen Verbeugung, bevor sie sich auf ihre Plätze begaben. Vorn in dem Chorgestühl saßen links und rechts längs der Mauer die weißen Patres, und es brannten dort Lampen. Unter uns, im hinteren Teil der Kapelle, erkannte ich in der Dämmerung die Gestalten der braunen Brüder. Während einiger Zeit blieb es totenstill. Alle warteten knieend und beteten. Dann nach einem kurzen Schlag erhoben sie, sich, und die Komplet begann.
Ich saß regungslos da und lauschte. Es war mir alles so neu, so gänzlich unbekannt. Niemals war es mir in den Sinn gekommen, daß es etwas Derartiges in unserer Zeit noch geben könne: Menschen, die ihr Leben völlig dem Gebete weihen. Jetzt begann das Psalmodieren. Der Wechselgesang der Verse klang wie das mächtige und tiefe Wogen des Meeres. Meine Seele wurde mitgerissen von jenem Chor von Männerstimmen. Um mich fühlte ich einen unabsehbaren Raum, ich horchte mit äußerster Andacht, mein ganzes Wesen lag offen da, und jetzt setzte eine Stimme mit dem "Salve Regina" ein. Ich erschauerte vor Rührung. Der Gesang steigt und fällt mit großartigem und dabei doch so einfachem Rhythmus. Leidenschaftslos ist dieses gesungene Gebet, diese herrliche Antiphon. Die Unsinnlichkeit dieser wunderbaren Musik bewegt mich, sie erregt nicht, sie zerreißt die Seele nicht, sie erfüllt das Herz nicht mit wilder Unruhe, mit allen Ängsten. Die Klänge ziehen dahin wie ein Schwarm schöner Vögel, doch zittert eine tiefe Wehmut darin und ein namenloses Heimweh. Diese Musik vermag zu heilen. Sie ist wie eine starke und zugleich sanfte Gegenwart, sie trägt den unverkennbaren Abglanz des göttlichen Lichtes.
Es ist zu Ende. Pater'Aloisius zeigt uns unsere Zimmer, wünscht uns gute Nacht und wiederholt sein Versprechen, uns eine Viertelstunde vor ein Uhr wecken zu lassen.
Ich bin allein. Ich sitze auf einem Stuhl in einem kleinen Raum. Ich versuche zu denken. Ich verstehe das Leben nicht. Wenn Gott nicht existiert, wenn Gott nur eine Erfindung der menschlichen Sehnsucht, ein Scheinbild wäre, das die Verzweiflung der Einsamkeit erschaffen, dann wäre es töricht, wahnsinnig, ja sogar verbrecherisch, daß Menschen sich einsperren, daß sie sich jeden Lebensgenuß versagen, daß sie etwas anbeten und verherrlichen, das nicht besteht. Hier indessen fühle ich die Ordnung und die Ruhe. Die ganze Aufmerksamkeit ist auf das Innerliche, auf die Seele, auf das Ewige gerichtet. Und das Leben, das sogenannte Leben, das mich und beinahe alle Menschen in seinen Klauen hält und blindlings weitertreibt, ist ein Chaos, ein rastloses Jagen nach den äußern Dingen, ein Streben, alle Neugierde zu befriedigen, ein Sich-Zufriedengeben mit dem Zeitlichen. Wir wollen uns betäuben. Im Grunde genommen fürchten wir uns vor dem einen Gedanken, daß alles eitel ist. Denn am Ende aller Abenteuer steht der Tod. Fiebernd denke ich an die Unendlichkeit, an mein eigenes Leben, an die Sterne, an die Schönheit, an die Mönche, die in geringer Entfernung von mir ruhen, an die Macht des Glaubens und dann wieder an den alles vernichtenden Zweifel: das alles durchwühlt meinen Geist. Und nirgends finde ich einen Halt, bis ich plötzlich denke: die einzige Gewißheit des Lebens ist der Tod. - Und mit neuer Gewalt stürzen sich alle Rätsel auf mich.
Jene Nacht ... sie erscheint mir wie ein Traum. Ich kann es nicht glauben, daß ich sie wirklich erlebt habe. In meiner Erinnerung steht das Geschehen jener Nacht unter dem seltsamen Glanz des Traumes. Noch höre ich den Chor, noch sehe ich die Mönche. Sie kommen daher wie helle oder dunkle Phantome, sie stehen, sie verneigen sich, sie sitzen, sie liegen knieend am Boden wie von einem Sturm niedergeschlagen, sie singen himmlische Gesänge. In welcher Welt verweile ich? Wo ist die Wirklichkeit?
Es ist tief in der Nacht. Ringsum still. Dann plötzlich erklingt klar das silberne Glöcklein der Kapelle, während die Klosterbrüder eintreten. Hinter den schwarzen Fenstern ruht die Nacht. Ich atme die Stille ein. Durch ein kleines Fenster sehe ich die fernen und unerreichbaren Sterne, die in dieser Nacht wundersam am mächtigen Himmel funkeln. In den Chorbänken der weißen Patres brennen, vereinzelte Lampen. Allein die Gewölbe darüber und der Teil der Kirche, in dem die braunen Brüder verweilen, verlieren sich im Dämmer. Der Lichtschein reicht nicht bis zu ihnen hin. Die stummen dunklen Gestalten bedürfen seiner nicht, sie haben keine Psalterien, sie lauschen nur dem Gesang, sie knieen nieder, sie richten sich wieder auf. Allein ich vermute, daß da mehr ist, als meine weitgeöffneten Augen schauen.
Es ist tief in der Nacht. Die Welt schläft, und da vor mir in diesem schwach erleuchteten Raum wachen Menschen, die singen und beten. Irre ich oder sind sie Toren? -
Das sonore und eintönige Psalmodieren führt meine Seele zu den äußersten Grenzen empor. Ich kann nicht sagen, was ich empfand, es ist Heimweh, es ist Glück, und doch etwas ganz anderes. Ich berühre Gegenden, die nirgends gelegen sind, ich verstehe Dinge, denen ich keinen Namen zu geben vermag. Und plötzlich verläßt mich der Klang, und verloren und völlig einsam liege ich wie ein Wrack am Strand. Mir ist, als kniee die Stille rings um mich her mit tausend ausgestreckten Händen und betenden Lippen. Ich sehe die Städte der Welt unter der Nacht, die menschlichen Wohnungen in den Straßen, wo das Elend haust und die verfluchte Sünde. Ich höre das stimmlose Stöhnen von Unglücklichen. Aber ich sehe auch die andern Klöster, und sie erscheinen mir wie ebenso viele reine Feuer, sie erscheinen mir wie die Lippen der Menschheit, die das Schönste und das Tiefste aussprechen. Sie sind wie die Berge, die die Sehnsucht der Täler verwirklichen.
Was ich empfand, was jetzt noch wie eine sanfte und zugleich heftige Glut in meinem Innern ist, das vermag ich nicht in Worte zu fassen. Es ist eine andere, eine unbekannte Welt. Die Sprache, die ich kenne, vermag nicht das auszudrücken, was in mir vorgeht. Es ist ein Abgrund und zugleich die höchste Höhe. Es ist das Licht, und meine Augen sind blind in der Dunkelheit. Ich denke an den Glauben, und ich begreife, daß man den Zweifel und alles nutzlose Fragen aus seinem Geist bannen muß. Mir ist, als hörte ich eine Stimme, die da spricht: Halte deine Gedanken rein und sei allezeit bereit. Denn der Geist kann kommen in dem dunkelsten Augenblick, da du an allem verzweifelst. Er kann aber auch auf dem Gipfel deines Glückes kommen, er weiß, wann er seinen Einzug halten kann in dein Herz. Bleib in Erwartung.
Ich habe versucht, Christine klar zu machen, was ich in jenen wundersamen Stunden durchlebte. Mir war etwas sehr Schönes, etwas sehr Heiliges offenbart worden. Die Zeit versinkt, das Leben steht da im Glanz der göttlichen Ewigkeit. Es ist mir nicht möglich, zu glauben, daß hinter jener unberührten Schönheit von Worten und Gebärden und Musik und Gebeten keine unerschütterliche Wirklichkeit wohnt. Daß diese Schönheit nicht in Verbindung steht mit einer Welt, von der sich keine menschliche Phantasie eine Vorstellung machen kann. Wie fühle ich mich im täglichen Leben verirrt!
- Re: Zurück und verwirrt kindgottes 06.9.2005 13:56 (1)
- Re: Zurück und verwirrt Meer 06.9.2005 21:03 (0)
Endzeitprophetie