Warum sind wir auf Erden
Endzeitprophetie
Geschrieben von Meer am 11. Juni 2005 03:44:44:
Ein seltsamer Abend.
Das Fenster des Zimmers, in dem die Lampe wie ein Goldstern leuchtete, war geöffnet in der schwarzen Stille der Frühlingsnacht. Christine und ich saßen einander schweigend gegenüber an dem Tisch unter dem goldenen Lichtschein. Ein Buch lag offen da. Aus einer Vase rankte sich ein schöner Mimosenzweig. Die dunkle Welt atmete wie ein Wesen.Es war schmerzvoll still. Es wurde unerträglich, es konnte so nicht bleiben. Es mußte etwas geschehen. Etwas, das die lastende Stille zerbrach, etwas Großes, etwas Gewaltiges, nötigenfalls etwas Vernichtendes. Mein Herz hämmerte wie eine Sturmglocke. Meine Gedanken jagten wie wilde Vögel geräuschlos auf dunklen Fittichen durch die unheilkündende Nacht.
Sie, die ich liebe wie das Licht meiner Augen, sah ich mir gegenüber. Ihr blondes Haar lag wie ein Helm über der Stirn, die Augen starrten weit geöffnet und träumerisch vor sich hin. Dachten sie nicht an das gleiche?
"Liebste", sagte ich plötzlich mit einer leisen, aber sehr eindringlichen Stimme. Die Worte, die ich brauchte, waren gewiß anders, allein der Sinn dessen, was ich an diesem seltsamen Abend sprach, war so, wie ich ihn jetzt zusammenzufassen versuche:
"Sieh, Liebste, hier sitzen wir zwei armen Menschen verloren in diesem kleinen, viereckigen Raum. Die Lampe steht zwischen uns. Ich sehe unsere Hände unter dem Licht. Die gewöhnlichsten Gegenstände, die ich seit Jahren nicht mehr sah, die allernichtigsten Bilder wecken ein Staunen in mir. Sieh diese Blumen! Sind ihre schönen Blüten nicht unbegreiflich? Ist es nicht unfaßbar, wie sie da hängen im goldenen Schein? Wir leben. Ich vermag den Abgrund dieser Worte nicht zu ergründen. Ich sehe die Menschheit. Es gibt Menschen, die suchen, es gibt Gepeinigte, innerlich Gequälte, es gibt solche, die wie umherirrende Wahnsinnige nach der Nacht schreien, und die stumpfe Herde verhöhnt sie. Ich sehe die Verzweifelten, die nichts mehr verstehen, ich sehe sie, die bis zur Grenze des Wissens durchdringen und die dann auf ihre Kniee sinken, und ich weiß nicht zu welchem Gott Gebete stammeln. Es ist überwältigend. Es gibt Geister, die in der erkältenden Einsamkeit des Alls erschauern und gleichsam idiotisch werden. In jedem Augenblick werden Kinder geboren, in jedem Augenblick sterben Menschen. Ich sehe Wesen mit stillen Augen, die tief sind wie der schweigende Ozean. Es gibt Städte, und an jedem Abend geht die Sonne unter über der Welt. Ich weiß um die Liebe und das Leben, um den Haß und um alle Leidenschaften. Von allen Seiten umringt uns die Dunkelheit. Was hat es zu bedeuten, daß wir einander gefunden haben? Ist unsere Begegnung eine zufällige? Wäre das möglich? Glaubst du das, Christine?"Sie richtete ihren Kopf zu mir empor. Ihre Augen - ich kann sie nicht ansehen, ohne an den Augenblick zu denken, da ich sie zum ersten Mal sah und mein Herz sie unverzüglich sozusagen erkannte und die unerklärliche Sicherheit fand, daß sie es war, Christine, und keine andere, die zu mir gehörte, die mir von jeher und für immer bestimmt sei -, ihre Augen waren an jenem Abend dunkel von einem bangen Ernst.
"Ist es nicht seltsam! Ich kannte dich nicht. Du wußtest nichts von meinem Dasein. Ich war dir nichts, du warst mir nichts, bis wir einander begegneten. 0 Entzücken! Aber denke an die ebenso große Möglichkeit, daß die düsteren Wege des Lebens, an denen wir vorüber irrten, sich nicht an einem Punkt gekreuzt hätten! Ein sehr kleines Geschehen, eine allergeringste Störung, der Zeitunterschied von Minuten, von Sekunden hätte uns für immer einander fernhalten können. Dieser Gedanke erfüllt mich mit Angst. Ich habe das Gefühl, als sei es notwendig gewesen, daß ich dich fand, dich, die du jetzt der Schlag meines Herzens bist. Wir mußten einander finden, wir wurden geführt - durch einen blinden Zufall?"
Ich stand auf und trat an das geöffnete Fenster. Ich wußte, daß unser Denken sehr hoch gespannt war und daß es vor Ernst zitterte. Gedanken eilten bis an die äußersten Grenzen. Schweigend starrte ich eine Weile in die dunkle Nacht hinaus und dann hinauf zu den Sternen.
"Wir Menschen sind absurde Wesen. Ich weiß, daß ringsum undurchdringliche Nacht ist, und dennoch will ich sehen. Warum können wir uns nicht begnügen mit dem Zeitlichen, dem Begrenzten? Warum sucht mein Geist nach dem Unendlichen, dem Ewigen? Ich kann mir das Ende nicht vorstellen, und die Endlosigkeit, die Ewigkeit ist wie ein bodenloser Abgrund. Ein Stein fällt, und nimmer, nimmer, nimmer wird er den Boden erreichen. Ich kann mir davon keine Vorstellung machen. Es ist töricht, stets in die Tiefen dringen zu wollen, gleich als ließe sich dort in der Dunkelheit die Lösung finden. Das ist Zeitvergeudung. Und dennoch, kann ich es hindern, daß die Fragen in mir emporstürmen, daß ich eine Antwort suche, die mich vollkommen befriedigt? - Verstört sehe ich das Schauspiel dieser Nacht, dieser sternenreichen Nacht, über der Erde.... Wie viele Millionen Menschen sind an den unzähligen Abenden der Tausende und aber Tausende von Jahren, seit jene Sonnen in der Nacht entzündet wurden, ebenso dagestanden, mit übervollem Herzen und rufender Seele? Und niemand hat die erlösenden Worte gefunden, und am allertörichtesten ist es sicherlich, daß es höchst wahrscheinlich keine Rätsel gibt und daß wir uns wegen nichtbestehender Dinge quälen. Weltall und Menschheit sind sinnlose Zufälligkeiten. Wir aber sind bewußt. Wir denken. Ist denn der Gedanke an die Einsamkeit des Menschen inmitten der Welten nicht zum Wahnsinnigwerden? Übrigens wird die Erde, einer sehr annehmbaren Hypothese zufolge, in einigen Tausenden oder Millionen von Jahren unbewohnbar sein und endlich untergehen. Dann wird es sein, als hätte die Menschheit nie bestanden, alles wird in den leeren Raum des Vergessens getaucht sein. Nichts trägt also mehr die Erinnerung in sich an das, was jene seltsamen Wesen, die da einst auf Erden lebten und die man Menschen nannte, gelitten und vollbracht haben. Die Symphonien eines Beethoven, die Bibel, das ganze rastlose Suchen, das Leiden, die schönsten Träume der Heiligen, Napoleon, Dante, die Verzweiflung, die Liebe, die Folge der Weltreiche, Christus - das alles war vollkommen nutzlos, und dieses gigantische Drama, das Tausende von Jahren währte und von dem nicht ein einziger Zeuge übrig blieb, hätte ebensogut nicht stattfinden brauchen. Ist das nicht von einer geradezu schauerlichen Lächerlichkeit? Sollte man bei diesem Gedanken nicht vor Angst aufschreien? Oder seine Zuflucht zum Tode nehmen?"
Ich sprach weiter, befangen von der schmerzlichen Wollust, alles zu vernichten.
"Während eines Augenblicks, der kurz ist wie die Dauer eines Blitzstrahles, stehen wir auf der Erde, lebend, mit offenen Augen, im Herzen der wilde Sturm der Leidenschaften, gequält von allen Wünschen und allen Träumen, von dem Verlangen beseelt, das Unmögliche zu umfassen und an unser Herz zu drücken. Wir studieren die Vergangenheit, wir lesen, was die Menschen vor uns gedacht haben. Wir können es nicht zusammenreimen. Wir studieren die Erde, den Himmel, die Sterne, die Abgründe des Raumes und unserer eigenen Seele, wir weinen vor Heimweh beim Anblick der Schönheit, wir machen große leidenschaftliche Gebärden, und plötzlich liegen wir totenstill da. Und da ist nichts mehr, nichts, nichts, nichts! Unsere Augen, mit denen wir zu den Sternen emporblicken, die sich unser gewiß nicht erinnern werden, sind für ewig geschlossen!"
„Christine! ... "
Als ich ihren Namen nannte, wandte ich mich um, und da sah ich, daß sie weinte.
Ich schaute sie eine Weile an und sagte dann wiederum leise: "Christine!..."
Ihr beinahe lautloses Weinen war so tief ergreifend, und von ihr ging eine so ratlose Verzweiflung aus, daß ich nicht fähig war zu sprechen oder irgend Trostesworte zu finden. Allzu gewaltig wütete die Verzweiflung in meinem Geist.
"Ich kann es nicht ertragen", sagte sie schluchzend, "ich kann es nicht ertragen. Du hast alles vernichtet. Aber es ist nicht möglich, was du sagst, ist nicht wahr. Es darf so nicht sein."
Ich habe ihr nichts zu geben. Zu trösten vermag ich sie nicht, denn ich selbst besitze nichts anderes als meine Angst und meine Verzweiflung. Wir müssen weiterleben mit blutender Seele.
Da habe ich mich zu ihr gesetzt und habe ihre Hände in die meinen genommen. Und lange Zeit saßen wir in dieser Haltung, Seite an Seite, in der stillen Nacht. Zwei sehr einsame, sehr verzweifelte Menschen.
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