Re: 21. Franziskus-Geschichte der Wolf
• Gerichtszeit
Geschrieben von albamireia am 27. Juni 2004 20:06:12:
Als Antwort auf: Der heilige Gallus und der Bär geschrieben von albamireia am 25. Juni 2004 17:17:20:
Der Wolf, der Bär die Schlange,
sie leben auch in dir schon lange,
erlöse sie von ihrem Drange,
befreie sie von jedem Zwange;schenk Liebeslicht dem Tier, der Pflanze,
lass sie erblühn in diesem Glanze,
sie werden Freund und Helfer sein,
drum werd in Herz und Seele rein;umarme Bruder Tier und Schwester Baum,
das hilft erfüllen einen Traum
von Frieden aussen und auch innen,
die Angst wird endlich dann zerrinnen;verschenk dich Gott mit Haut und Haaren,
das wird erleichtern, was in Jahren
sich so gesammelt hat als Bürde
und bringt zurück dir Menschenwürde.
(albamireia)
"Die Blümlein des heiligen Franziskus von Assisi"
21. Kapitel
Von dem hochheiligen Wunder, das St. Franziskus tat, als er den grimmigen Wolf von Agobio bekehrte.
Zu der Zeit, als der heilige Franziskus in der Stadt Agobio weilte, erschien im Lande ein ungeheurer Wolf, schrecklich und wild, der nicht nur die Tiere, sondern auch die Menschen frass. Daher waren die Bürger in grosser Angst; denn er näherte sich des öfteren der Stadt; und alle gingen in Waffen, wenn sie die Stadt verliessen, als zögen sie zur Schlacht. Aber sie konnten sich mit alledem seiner nicht erwehren, wenn er einen allein traf; und aus Angst vor diesem Wolf kam es so weit, dass es keinen gelüstete, aus den Mauern herauszugehn.Aus diesem Grunde wollte sich der heilige Franziskus, dem die Leute des Orts leid taten, zu diesem Wolfe aufmachen, obwohl die Städter ihm abrieten. Er aber machte das Zeichen des heiligen Kreuzes und ging, sein ganzes Vertrauen auf Gott setzend, mit seinen Gefährten zur Stadt hinaus. Und als die andern Bedenken trugen, weiterzugehen, nahm Franziskus allein seinen Weg dem Orte zu, wo der Wolf hauste.
Und siehe! Im Angesichte vieler Bürger, die hinausgeeilt waren, dieses Wunder zu sehn, kam der Wolf mit offenem Rachen auf den heiligen Franziskus los. Bei seinem Nahen, machte St. Franziskus das Zeichen des Kreuzes gegen ihn, rief ihn zu sich heran und sprach zu ihm also: "Komm hieher, Bruder Wolf; ich gebiete dir im Namen Christi, dass du nichts Böses tuest, weder mir noch irgendeinem." Und, o Wunder! Kaum hatte St. Franziskus das Kreuz geschlagen, als der schreckliche Wolf den Rachen schloss und in seinem Lauf anhielt; und auf das Geheiss kam er sanftmütig wie ein Lamm heran und legte sich still zu des heiligen Franziskus Füssen.
Da sprach St. Franziskus also zu ihm: "Bruder Wolf, du richtest viel Unheil an hierherum und hast grosse Missetaten verübt, indem du ohne Gottes Erlaubnis seine Kreaturen verdarbest und tötetest; nicht allein, dass du Tiere umgebracht und gefressen hast, sondern du hast die Dreistigkeit gehabt, Menschen, nach Gottes Bilde geschaffen, zu vernichten. Dadurch bist du des Galgens schuldig wie der schändlichste Räuber und Mörder; jedermann schreit und murrt gegen dich, und das ganze Land hast du zum Feinde. Ich aber will, Bruder Wolf, Frieden machen zwischen dir und ihnen; dergestalt, dass du ihnen kein Leid mehr zufügst, sie aber dich aller vergangenen Missetaten entlassen und weder Menschen noch Hunde dich fürder verfolgen sollen."
Nach diesen Worten bezeugte der Wolf mit Bewegungen seines Leibes und des Schwanzes, mit Blicken und Neigen des Kopfes, dass er das annehme, was St. Franziskus sagte, und es halten wolle. Darauf begann St. Franziskus von neuem: "Bruder Wolf, dieweil es dir gefällt, diesen Frieden einzugehn und zu halten, so verspreche ich, dir für immer, solange du lebst, von den Einwohnern dieses Landes deine Kost zukommen zu lassen, so dass du nicht mehr Hunger leiden wirst; denn ich weiss wohl, dass du aus Hunger alles Böse getan hast. Doch weil ich für dich diese Gnade erwirke, so will ich, Bruder Wolf, dass du auch mir versprechest, weder Mensch noch Tier einen Schaden zu tun; versprichst du mir das?" Und der Wolf gab durch Neigen des Kopfes offensichtlich kund, dass er es verspreche. St. Franziskus aber sagte: "Bruder Wolf, ich will, dass du auf dieses Versprechen den Handschlag verpfändest, damit ich darauf vertrauen kann." Und da St. Franziskus seine Hand ausstreckte, um das Pfand entgegenzunehmen, hob der Wolf seine rechte Tatze stracks empor und legte sie artig in die Hand des heiligen Franziskus, indem er ihm so das Treupfand gab, das er vermochte. Darauf sagte St. Franziskus: "Bruder Wolf, ich befehle dir im Namen Jesu Christi, dass du mit mir kommst, ohne Zaudern; und wir wollen gehn, diesen Frieden im Namen Gottes zu bekräftigen." Und der Wolf ging gehorsam mit ihm wie ein sanftmütiges Lamm.
Als das die Bürger sahen, waren sie darüber aufs höchste verwundert. Sofort wusste man die Neuigkeit in der ganzen Stadt, daher alles Volk, Mann und Weib, gross und klein, jung und alt zum Marktplatz zog, um den Wolf mit St. Franziskus zu sehen. Da nun alles Volk versammelt war, erhob sich der heilige Franziskus, ihnen zu predigen, und sagte unter anderem, wie Gott solche Dinge und Heimsuchungen um ihrer Sünden willen zulasse; und wieviel entsetzlicher das Feuer der Hölle sei, das für die Verdammten ewig währe, als der Grimm des Wolfes, der nur den Leib zu töten vermöge. Wie sei da der Rachen der Hölle zu fürchten, wenn eines kleinen Tieres Rachen eine solche Menge in Angst und Zittern halte! "Kehret euch also, ihr Lieben, zu Gott und tut gerechte Busse wegen eurer Sünden; und Gott wird euch befreien von dem Wolf in diesem und von dem Feuer der Hölle im künftigen Leben."
Als St. Franziskus die Predigt geendet hatte, sagte er: "Hört, meine Brüder; der Bruder Wolf, welcher vor euch steht, hat mir versprochen und sein Wort verpfändet, mit euch Frieden zu halten und euch kein Leids zu tun in keinerlei Weise; ihr aber versprecht, ihm täglich das zu geben, dessen er bedarf. Und ich stelle mich als Bürgen für ihn, dass er diesen Pakt des Friedens unverbrüchlich halten wird."
Darauf versprach das ganze Volk einstimmig, ihn regelmässig zu verpflegen. Da sagte St. Franziskus vor allem Volke zum Wolfe: "Und du, Bruder Wolf, versprichst du ihnen den Frieden zu halten derart, dass du kein Leid tust, weder an Mensch noch Tier noch an irgendeiner Kreatur?" Und der Wolf liess sich auf die Knie und senkte den Kopf; und mit sanften Bewegungen des Körpers, des Schwanzes und der Ohren bezeugte er, so gut es ging, dass er ihnen alles Punkt für Punkt halten wolle. Darauf St. Franziskus: "Bruder Wolf, wie du mir vor dem Tore ein Treupfand für dein Versprechen gabst, so will ich, dass du es auch vor allem Volke tuest und dass du mich um mein Versprechen und der Bürgschaft, die ich für dich geleistet habe, nicht zuschanden kommen lässest." Darauf hob der Wolf die Tatze und legte sie in die Hand des heiligen Franziskus.
Hierüber und über die oben beschriebenen Begebenheiten war eine solch Fröhlichkeit und Bewunderung im ganzen Volk erwacht, sowohl wegen der Gottgefälligkeit des Heiligen als wegen der Neuheit des Wunders und des Friedens mit dem Wolf, dass alle begannen, zum Himmel zu rufen mit Lob und Preis für Gott, dass er ihnen den heiligen Franziskus gesandt, der sie kraft seines Verdienstes von dem Rachen des wilden Untiers erlöst hatte.
Danach lebte der Wolf noch zwei Jahre in Agobio; er ging artig von Tür zu Tür, ohne jemand ein Leid zu tun und ohne von jemand ein solches zu leiden, und wurde freundlich von den Leuten gefüttert; und wenn er so im Freien oder in den Häusern umherlief, geschah es niemals, dass ihm ein Hund nachbellte. Am Ende, nach zwei Jahren, starb Bruder Wolf vor Alter. Darüber betrübten sich die Bürger sehr; denn wenn sie ihn so sanftmütig durch die Stadt wandern sahen, erinnerten sie sich um so lebhafter der Tugend und der Heiligkeit des heiligen Franziskus.