Diese verkappten Wohltäter!


  Endzeitprophetie  

Geschrieben von Meer am 04. Mai 2005 22:57:42:

Als Antwort auf: Re: Ist die Wahrheit erkennbar? geschrieben von Epidophekles am 04. Mai 2005 22:03:15:

Ein Freund, von Beruf Bildhauer, erzählt mir, auf welche Art ein Kunstfreund ihm hilft. Der Wohltäter, der reich ist, der weder für Frau noch Kind zu sorgen hat, dabei aber natürlich fortwährend über Sorgen klagt und angeblich nicht imstande ist, aus eigener Tasche viel zu geben, hat in seinem Freundeskreis eine Lotterie organisiert, deren Gewinn in einer Arbeit des Künstlers bestand. Auf die Art brachte der Mäzen, der, das ist selbstverständlich, auf ewige Dankbarkeit Anspruch erhebt, 2500 Franken zusammen, die er indessen aus ‚väterlicher Fürsorge’ dem Bildhauer in verschiedenen Raten zur Verfügung stellte. Ein Künstler, der sich im Besitze einer so ansehnlichen Summe Geldes sieht, würde ja sofort überschnappen und an einem einzigen Abend all die mühselig gesammelten Franken verprassen. Der milde Mäzen war vernünftig und gab dem Hungerleider einen Wochenlohn von 150 Franken. Aber der Schützling durfte jeden Donnerstag bei ihm essen, wodurch die Zulage um 15 Franken verringert wurde. Überdies war er fast jeden Sonntagabend bei uns zu Tisch. Folglich zog ihm der Wohltäter jede Woche 30 Franken ab. Auf diese Weise würde die Summe noch länger reichen. Und das Dasein des jungen, vielversprechenden Künstlers war auf beneidenswerte Art für viele Wochen gesichert.
Ich vergaß noch zu sagen, daß die Miete für das dürftige Atelier gleich im vorhinein zur Seite gelegt war und daß einige Schulden bei Bäcker, Milchhändler und Kaufmann ebenfalls mit dem Lotteriekapital bezahlt waren.

0 diese Wohltäter, o diese Wohltätigkeit! Es ist eine Schande, und dabei muß so ein armer Kerl für solch ein Almosen noch ein ganzes Leben lang dankbar sein.

Weil angesichts eines derartigen Geschehens ein gewaltiger Zorn in mir aufwallte, weil mein Herz nach Gerechtigkeit dürstete, bin ich Sozialist und Anarchist gewesen. Ich kann den Anblick eines Menschen, der Hunger leidet, während in seiner unmittelbaren Nähe Idioten in einem übermäßigen Überfluß leben, nicht ertragen. Und jene glauben schon etwas über alles Lob Erhabenes, etwas ganz Außergewöhnliches getan zu haben, wenn sie dem Armen ein Almosen zuwerfen. Ich verstand es nur nicht, daß die Armen, die Ausgebeuteten, so lange, so unendlich lange Geduld haben, daß sie sich nicht voller Entrüstung und, durch den Anblick des Elends der Frauen, der Kinder und Greise, von Haß besessen, auf die Reichtümer stürzen und sich das aneignen, was ihnen vorenthalten wird, worauf sie ein Anrecht haben. Warum warten sie?
Ihr Leben entbehrt jeglicher Schönheit, jeglicher hohen Freude. Früher hatten sie den Trost des himmlischen Paradieses. Doch wer glaubt noch daran? Jetzt haben sie nichts mehr.
Sie wollen auch genießen und das Glück ergreifen, bevor es zu spät ist. Was vermag sie zurückzuhalten?

Wenngleich ich schon seit langem nicht mehr Sozialist und Anarchist bin, ist es mir noch immer unmöglich, dieses schreiende Unrecht anzusehen, ohne daß eine wilde Wut mich packt.
Ich bin für die Armen und gegen die Reichen. Steht nicht sogar in der Bibel mit Jesu eigenen Worten geschrieben: "Wehe den Reichen!"



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