Re: 30. Franziskus-Geschichte der heilige Ludwig


Gerichtszeit

Geschrieben von albamireia am 20. Juni 2004 15:10:30:

Als Antwort auf: Re: 30. Franziskus-Geschichte über die Predigt geschrieben von albamireia am 20. Juni 2004 00:08:26:

"Die Blümlein des heiligen Franziskus von Assisi"

34. Kapitel

Ludwig der Heilige, König von Frankreich, begab sich auf eine Pilgerfahrt, um die heiligen Stätten der Welt zu besuchen. Und da der gewaltige Ruf von der Heiligkeit des Bruder Egidius, der einer der ersten Jünger des heiligen Franziskus gewesen war, auch zu ihm drang, setzte er es sich in den Kopf und beschloss, ihn auf jeden Fall in eigner Person zu besuchen. Zu diesem Zweck kam er nach Perugia, wo damals der genannte Bruder Egidius sich aufhielt. Wie ein armer Pilger, unerkannt und mit nur wenigen Begleitern, begab er sich an die Pforte des Klosters und fragte sehr dringend nach dem Bruder Egidius, wobei er dem Torhüter nichts davon verriet, wer er sei. Dieser ging also und sagte dem Bruder Egidius, dass da ein Pilger vor dem Tor stünde, der nach ihm verlangte. Von Gott aber wurde diesem eingegeben und enthüllt, dass es der König von Frankreich war, weshalb er eilig und in grosser Aufregung seine Zelle verliess und zur Pforte lief. Und ohne irgend etwas voneinander zu wissen oder sich zuvor jemals gesehn zu haben, knieten beide in gegenseitiger Ehrfurcht nieder, umarmten sich und küssten sich mit solcher Herzlichkeit, als ob sie schon lange die besten Freunde gewesen wären; aber während alledem sprach weder der eine noch der andre ein Wort; sondern sie lagen sich so mit allen Zeichen zärtlicher Liebe schweigend in den Armen. Nach geraumer Zeit, während derer sie in der Weise verblieben waren, ohne ein Wort zu wechseln, schieden sie voneinander; der heilige Ludwig setzte seine Fahrt fort, und Bruder Egidius kehrte in seine Zelle zurück.

Als der König fort ging, fragte ein Bruder einen seiner Begleiter, wer das gewesen sei, der sich so lange mit dem Bruder Egidius umschlungen gehalten habe; und er antwortete, es sei Ludwig, König von Frankreich gewesen, der gekommen, den Bruder Egidius zu sehn. Als er das den andern Brüdern erzählte, ging es ihnen sehr nah, dass Bruder Egidius dem König kein Wort zu sagen gewusst hätte; und in ihrem Bedauern sprachen sie zu ihm: "Warum warst du so tölpelhaft, einem so heiligen König, der von Frankreich daher kommt, um dich zu sehn und ein gutes Wort von dir zu hören, rein nichts zu sagen?" Da antwortete ihnen der Bruder Egidius: "Liebste Brüder, wundert euch nicht darüber. Weder ich vermochte zu ihm etwas zu sagen, noch er zu mir; denn sobald wir uns umarmt hatten, da enthüllte das Licht der göttlichen Weisheit mir sein Innerstes und ihm das meine. Und da wir uns so einander ins Herz sehen konnten, erkannten wir das, was wir uns gegenseitig sagen wollten, weit besser, als wenn wir es ausgesprochen hätten; und wir fanden eine grössere Befriedigung darin, als wenn wir die Gefühle unseres Herzens mit Worten hätten ausdrücken sollen. Ja, die Unvollkommenheit der menschlichen Sprache, die ungeeignet ist, die tiefen Geheimnisse Gottes klar in Worte zu fassen, würde uns eher mit Verwirrung als mit ruhigem Trost erfüllt haben. Wisset also, dass der König wunderbar zufrieden und in seiner Seele getröstet von mir schied."





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