Re: 30. Franziskus-Geschichte über die Predigt
• Gerichtszeit
Geschrieben von albamireia am 20. Juni 2004 00:08:26:
Als Antwort auf: 29. Franziskus-Geschichte über den Feind geschrieben von Bergzwerg am 15. Juni 2004 23:13:13:
"Die Blümlein des heiligen Franziskus von Assisi"
30. Kapitel
Von der schönen Predigt, die St. Franziskus und Bruder Rufinus in Assisi hielten, als sie dort nackt predigten.
Der genannte Bruder Rufinus war durch die anhaltende stille Beschaulichkeit so gänzlich in Gott versunken, dass er fast empfindungslos und stumm geworden war und nur sehr selten redete; er besass dafür weder die Gabe noch das Verlangen noch auch die zum Predigen nötige Leichtigkeit. Trotzdem gebot ihm einmal St. Franziskus, nach Assisi zu gehn und dem Volk zu predigen, was Gott ihm eingeben würde. Darum antwortete ihm Bruder Rufinus: "Verehrungswürdiger Vater, ich bitte dich, mich zu verschonen und nicht zu entsenden; denn mir ward, wie du weisst, nicht die Gnade der Predigt, und ich bin einfaltig und blöde." Da sprach der heilige Franz: "Weil du nicht sofort gehorcht hast, befehle ich dir nun beim heiligen Gelöbnis des Gehorsams, dass du nackt, wie du geboren bist, nur mit Hosen bekleidet nach Assisi gehst, so nackt eine Kirche betrittst und dem Volke predigst."
Auf diesen Befehl entkleidete sich Bruder Rufinus, ging nach Assisi und trat in eine Kirche ein. Und nachdem er sich vor dem Altar verneigt hatte, bestieg er die Kanzel und begann zu predigen. Darüber fingen die Kinder und auch Erwachsene zu lachen an und sagten: "Da hat mans nun; die tun so viel Busse, dass sie verrückt werden und nicht mehr bei sich sind."
Unterdessen kamen dem heiligen Franziskus über den bereiten Gehorsam des Bruder Rufinus, der einer der Edelsten von Assisi war, und über sein hartes Gebot gegen ihn Gedanken und er begann, sich Vorwürfe zu machen, indem er zu sich sagte: "Woher kommt dir die Vermessenheit, Sohn des Pietro Bernardoni, erbärmliches Menschlein, dem Bruder Rufinus, der einer der vornehmsten Männer von Assisi ist, zu befehlen, hinzugehen und nackt vor dem Volk zu predigen wie ein Verrückter? Bei Gott, beweise erst an dir, was du andern befiehlst." Und auf der Stelle zog er sich im Eifer seines Geistes gleichfalls nackt aus, machte sich auf den Weg nach Assisi und nahm Bruder Leo mit, der seinen Rock und den des Bruder Rufinus trug.
Wie die Leute von Assisi ihn so sahen, machten sie sich über ihn lustig im Glauben, dass er und Bruder Rufinus vor allzu viel Busse närrisch geworden wären. St. Franziskus aber trat in die Kirche, wo Bruder Rufinus gerade folgende Worte predigte: "Fliehet die Welt, ihr Lieben, und entsagt der Sünde; gebt fremdes Gut zurück, wenn ihr der Hölle entgehen wollt; achtet Gottes Gebote, indem ihr Gott und euern Nächsten liebt, wenn ihr zum Himmel eingehen wollt; tut Busse, denn das Himmelreich ist nah.*
Da bestieg der heilige Franziskus die Kanzel und predigte so überwältigend von der Verachtung der Welt, von der heiligen Busse, von der freiwilligen Armut, von der Sehnsucht nach dem Himmelreich, von der Nacktheit und Schmach der Passion unseres Herrn, Jesu Christi, dass alle, die dabei waren, Männer und Weiber in grosser Menge, zu weinen begannen in Andacht und Reue. Und nicht nur dort allein, sondern in ganz Assisi erhob sich an dem Tage solche Trauer um das Leiden Christi, wie sie nie ähnlich gewesen ist.
So ward das Volk von der Tat des heiligen Franziskus und des Bruder Rufinus erbaut und erhoben, worauf sich beide wieder bekleideten. Dann kehrten sie in das Kloster Portiunkula zurück und lobten und priesen Gott, der ihnen die Gnade geschenkt hatte, sich durch Selbstverachtung zu überwinden, die Schäflein Christi durch gutes Beispiel zu erbauen und ihnen zu beweisen, wie sehr die Welt gering zu achten sei. An jenem Tage aber wuchs die Verehrung des Volkes gegen sie derart, dass jeder sich glücklich erachtete, der den Saum ihres Gewandes berühren konnte.
- Re: 30. Franziskus-Geschichte der heilige Ludwig albamireia 20.6.2004 15:10 (0)
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