29. Franziskus-Geschichte über den Feind


Gerichtszeit

Geschrieben von Bergzwerg am 15. Juni 2004 23:13:13:

- Danke Federchen -
- hier der Text aus dem 100-jährigen Buch:


"Die Blümlein des heiligen Franziskus von Assisi"

29. Kapitel



Bruder Rufinus, einer der Edelsten der Stadt Assisi und Jünger des heiligen Franziskus, ein Mann von grosser Heiligkeit, war eine Zeitlang in heftigen inneren Kämpfen und schwerer Versuchung wegen der Prädestination, wovon er ganz niedergeschlagen und traurig wurde. Denn der Teufel hatte es ihm ins Herz gelegt, dass er verdammt sei und nicht zu den Auserwählten des ewigen Lebens gehöre und dass das verloren sei, was er im Orden geleistet hatte. Während dieser tagelangen Anfechtung wagte er aus Scham nicht, sich dem heiligen Franziskus zu entdecken, unterliess aber trotzdem nicht, seine Gebete und gewohnten Bussübungen zu verrichten. Deshalb begann ihm der böse Feind Traurigkeit über Traurigkeit zu senden und verfolgte ihn - abgesehen von den Seelenkämpfen - auch noch von aussen mit falschen Erscheinungen.

So erschien er ihm einmal in Gestalt des Gekreuzigten und sprach: "Bruder Rufinus! Warum quälst du dich mit Busse und Gebet, da du ja doch nicht zu den Erwählten des ewigen Lebens gehörst? Glaube mir, dass ich weiss, wen ich erwählt und dazu vorbestimmt habe; und glaube nicht dem Sohn des Pietro Bernardoni, wenn er dir das Gegenteil sagen sollte, frage ihn auch gar nicht danach; denn weder er noch ein andrer weiss es ausser mir, der ich der Sohn Gottes bin. Also kannst du mir sicher glauben, dass du unter den Verdammten bist; und der Sohn Pietro Bernardonis, dein Vater, und ebenso dessen Vater sind verdammt, und wer ihm folgt, ist betrogen."

Durch diese Worte wurde allmählich Bruder Rufinus vom Fürsten der Finsternis derart in Düsterkeit eingehüllt, dass er allen Glauben und alle Liebe verlor, die er früher zu St. Franziskus gefühlt hatte, und er sich nicht mehr die Mühe nahm, ihm davon zu erzählen.

Was aber Bruder Rufinus dem heiligen Vater verschwieg, das enthüllte ihm der Heilige Geist. Als daher der heilige Franz im Geist sah, in welcher Gefahr der besagte Bruder war, sandte er den Bruder Masseo nach ihm aus. Doch Rufinus antwortete ihm mürrisch: "Was habe ich mit Bruder Franziskus zu schaffen?" Bruder Masseo aber erkannte, göttlicher Weisheit voll, den Betrug des Teufels und sprach: "Bruder Rufinus! Weisst du nicht, dass Bruder Franziskus wie ein Engel Gottes ist, da er so viele Seelen in der Welt mit Licht erfüllt hat und wir die Gnade Gottes von ihm empfangen haben? Darum wünsche ich, dass du um jeden Preis mit mir zu ihm gehst; denn ich sehe dich deutlich vom Teufel betrogen."

Auf diese Worte machte sich Bruder Rufinus auf und ging zu St. Franziskus. Als dieser ihn von ferne kommen sah, begann er zu rufen: "Bruder Rufinus, armer Tor; an wen hast du geglaubt!" Nachdem Rufinus herangekommen war, erzählte dieser ihm getreulich die ganze Versuchung, mit der ihn der Teufel von innen und von aussen heimgesucht hatte. Franziskus aber bewies ihm klar, dass, er ihm erschienen, der Teufel war und nicht Christus und dass er um keinen Preis seinen Einflüsterungen Gehör schenken dürfe: "Und wenn der Teufel dir wieder sagen sollte: Du bist verdammt! so antworte ihm: Sperr das Maul auf; ich werde dir Scheissdreck hineinwerfen. - Und es soll dir ein Zeichen dafür sein, dass es der Teufel war und nicht Christus; denn sobald du ihm diese Antwort gegeben hast, wird er entfliehen. Schon daraus hättest du erkennen müssen, dass es der Teufel war, weil er dein Herz gegen alles Gute verhärtete, was recht eigentlich sein Geschäft ist; Christus indessen, der Gebenedeite, verhärtet nie das Herz des Gläubigen, sondern erweicht es, wie er durch den Mund des Propheten sagt: Ich werde euch euer Herz von Stein nehmen und euch ein Herz von Fleisch geben."

Als Bruder Rufinus sah, dass der heilige Franziskus ihm getreulich den ganzen Hergang seiner Versuchung wiederberichtete, begann er, von seinen Worten tief erschüttert, bitterlich zu weinen, dem heiligen Franziskus zu huldigen und ihm unterwürfig seine Schuld zu bekennen, seine Anfechtung verheimlicht zu haben. Doch die Ermahnungen des heiligen Vaters trösteten ihn vollkommen und stärkten ihn; und so wurde er ganz zum Besseren gewandelt. Zum Schluss sagte St. Franziskus: "Geh, mein Sohn, und beichte; und lasse nicht nach im Eifer des Gebets. Wisse, dass diese Versuchung dir von grossem Nutzen und Trost sein wird; das wird sich dir binnen kurzem erweisen.*

Bruder Rufinus kehrte zu seiner Einsiedelei im Wald zurück und verharrte unter häufigen Tränen im Gebet. Da - auf einmal - trat der Feind in der Gestalt Christi, seinem Äussern nach, zu ihm und sprach: "Bruder Rufinus, habe ich dir nicht geboten, dem Sohne des Pietro Bernardoni nicht zu glauben und dich nicht in Tränen und Gebet zu verzehren, da du ja doch verdammt bist? Was hilft er dir, dich zu quälen, solang du lebst? und wenn du tot bist, wirst du doch verdammt sein." Auf der Stelle entgegnete Bruder Rufinus dem Teufel: "Sperr das Maul auf, ich werde dir Scheissdreck hineinwerfen."

Da fuhr der Teufel entrüstet unter grossem Gewitter und solcher Erschütterung der Felsen des nahen Monte Subasio von hinnen, dass von den stürzenden Trümmern ein weites Feld bedeckt wurde; und die Wucht, die sie in ihrem Rollen entwickelten, war so gross, dass die Funken in schrecklichem Feuer das Tal entlang stoben. Und bei dem furchtbaren Getöse, das sie machten, trat St. Franziskus und seine Gefährten in grosser Verwunderung aus dem Kloster heraus, um zu sehn, was es gäbe. Noch heute aber sieht man dort jenes gewaltige Trümmerfeld.

Da erkannte nun Bruder Rufinus freilich, dass es der Teufel gewesen war, der ihn betrogen hatte. Und er ging nochmals zu St. Franziskus, warf sich zur Erde nieder und bekannte von neuem seine Schuld. Der aber richtete ihn mit freundlichen Worten auf und sandte ihn voller Trost in seine Einsiedelei zurück. Als er dort in andächtigem Gebet lag, erschien ihm Christus, der Gebenedeite, und goss die Wärme göttlicher Liebe in seine Seele. "Wohl hast du daran getan, mein Sohn," sagte er, "dass du dem Bruder Franziskus glaubtest; denn der, der dich mit Betrübnis erfüllte, war der Teufel. Ich aber bin Christus, dein Meister; und um dich dessen gewiss zu machen, gebe ich dir dieses als Zeichen: So lang du lebst, sollst du nie eine Traurigkeit noch Schwermütigkeit fühlen." Nach diesen Worten schied Christus und liess ihn in solcher Heiterkeit und Süsse des Geistes und in solcher Erhebung des Gemütes zurück, dass er den ganzen Tag und die folgende Nacht in Gott entrückt und verzückt war.

Seitdem war er so überzeugt von der Gnade und der Gewissheit seines Heils, dass er ein ganz andrer Mensch wurde; und er würde Tag und Nacht in Gebet und Betrachtung der göttlichen Dinge verbracht haben, wenn die andern Brüder es zugelassen hätten. Darum pflegte St. Franziskus von ihm zu sagen, dass Bruder Rufinus schon in diesem Leben von Christus heilig gesprochen sei; und dass er sich nicht bedenken würde, ihn möge er anwesend oder abwesend sein, den heiligen Rufinus zu nennen, obschon er noch auf Erden lebe.




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