Hilfeschrei einer Seele


Gerichtszeit

Geschrieben von x-Einer am 12. Juni 2004 18:57:01:

Ich will nicht mehr leben. Ich mache Schluss. Ich denke, das ist ein guter Entschluss. Es ist ja nicht so, dass ich ohne Grund aufhören will. Ich hatte ein schönes Leben, jedenfalls für eine gewisse Zeit. Das ist vorbei. Ich klage auch nicht. Aber was geschah, kam zu schnell und zu stark im Schmerz. Ich halt das nicht aus. Ich wollte Dir nur schreiben, weil ich sonst keinen habe, dem ich etwas mitteilen könnte ‑ oder möchte. Traurig eigentlich, denn Du bist mir fremd und ich kenne Dich nicht, weiss nicht einmal, wer Du bist. Aber es ist kein anderer mehr da. Ich bin übrig geblieben. Alt, verbraucht, aber das ist es nicht, was es auslöst. Ich habe nur eine Frage: Ist es so grosse Sünde, was ich jetzt tue? Wird ein Priester an meinem Grab stehen und muss ich mich fürchten vor Gottes Strafe, weil ich es tue? Das ist das einzige, wovor ich Angst habe. Hilfst Du mir und sagst mir die Wahrheit? Eine weitere Lüge ertrage ich nicht.


Antwort eines Gütigen:

Geliebte Seele,

ich werde nicht lügen. Ich werde Dir die Wahrheit sagen. Es wird aber eine Wahrheit sein, an die ich selber glaube. Sie wird jener Form von unvollkommener Wahrheit gleichen, die in jedem von uns das Denken, Fühlen und Handeln beherrscht. Meine Wahrheit, Geliebte, wird ungenau sein und anzweifelbar. Sie wird logische Löcher aufweisen, und jeder, der es möchte, kann sie mühelos zerreissen und ihre Fetzen über seinem eigenen «Land der Wahrheit» ausstreuen. Ich kann Dir also nicht garantieren, dass im empirischen Sinne wahr ist, was Du nun von mir hörst, aber ich kann Dir garantieren, dass ich Dich nicht anlüge. Meine Liebe, Dir geht es nicht gut. Du leidest entsetzlich. Ich kenne die Gründe. Es sind viele und in ihrer Gesamtheit stehen sie für ein Geschehen, das mehr Schmerz beinhaltet, als ein Mensch tragen kann. Es geht keinen etwas an, was Dich so erdrückt und es wird keiner je von mir erfahren. Ich nenne Dir also meine erste Wahrheit:

Du, meine Liebe, ich verstehe Deinen Wunsch, allem ein Ende zu setzen, indem Du dorthin gehst, wo kein Elend Dir mehr folgen kann. Ein Herz aus Stein hätte ich, würde ich Dich nun mit meinem Rat einem Weiterleben verpflichten, das ich, müsste ich Gleiches wie Du erleiden, nicht ertragen könnte. Ich sage also nicht, halt ein, Kathrin, kehr um. Denn ich weiss, dass der Schrecken, der Dich jetzt beherrscht, grösser ist als der Schrecken jenes kurzen Augenblicks, der Dich befallen wird, wenn Du tust, was Du tun willst. Und mach Dir um die Sünde dessen, was Du zu tun gedenkst, keine Sorgen. Du bist ein tiefgläubiger Mensch und darum sage ich es Dir in Worten, die Dich vielleicht am ehesten berühren:

Gott, liebe Kathrin, vor dem Du Dich wegen Deiner Absicht so sehr fürchtest, ist viel weniger streng, als sie es uns glauben machen. ER weiss, wie schwach wir sind, wie unvollkommen, wie unfähig, zu erkennen geschweige denn zu meistern, was alleine zählt. Hätte ER diese Grossmut uns gegenüber nicht, wir wären längst vom Antlitz dieser Erde verschwunden. Lass IHN entscheiden, was Sünde ist, lass IHN über Dich richten und nicht jene, die hier mit Dir leben und Dir in all der Zeit weder helfen konnten ‑ noch wollten. Kümmere Dich nicht um ihr Urteil, es taugt in dem einzigen Belange, der Dich berührt, ja eh nichts. Und was den Priester anbelangt, von dem Du wünschst, dass er an Deinem Grab steht, ungeachtet der Weise, die Dich vom Leben zum Tod führte ‑ er wird da sein. Er hat es versprochen. Hab also keine Angst. Es gibt nichts, wovor Du Dich fürchten musst.

Nun zu meiner zweiten Wahrheit:

Tue es nicht ‑ bleib hier! Du hast so lange, so hart und so tapfer gekämpft, hast mehr ertragen, als selbst einem Hiob aufgebürdet wurde und warst voll schierem Mut. Hast Dinge erlebt, die andere nicht überleben. Soll all das umsonst gewesen sein? Gegen so viele Stürme hast Du Dich gestemmt ‑ nun willst Du fallen?
Lies, was der Dichter Rainer Maria Rilke schrieb zu einem Menschen, dem das Schicksal Ungeheures aufbürdete.
Er schrieb in seinem Gedicht von einem Engel, den Gott aussendet, um Auserwählte zu prüfen.


Rilke:

«Wen jener Engel überwand
welcher so oft auf Kampf verzichtet
der geht gerecht und aufgerichtet
aus jener harten Hand
die sich wie formend an ihn schmiegte
Die Siege laden ihn nicht ein
Sein Wachstum ist:
der Tiefbesiegte, von immer Grösserem zu sein!»


Kathrin, stell Dich weiterhin dem Engel, der Dich prüft und lass Dich, wie so lange schon und Mal um Mal, von ihm besiegen. Es hat einen Sinn und Du wirst ihn erfahren, wenn Deine Zeit gekommen ist. Greif ihr nicht vor. Lass jene andere Macht, Tag und Stunde bestimmen.
Marc Aurel sagt ins einen «Selbstbetrachtungen»: «Schändlich ist es, wenn deine Seele ermüdet, bevor der Leib müde ist. »

Dein Leben, liebe Kathrin, war frei von jeder Schändlichkeit. Es war geprägt von Leid und Schmerz, aber auch von ungeheurem Mut, von Kraft und Stärke. Gestatte also Deiner Seele nicht, dass sie müde werde, bevor Dein Leib selbst zu müde ist, für diese Welt.
Bleib stark, Kathrin, bleib am Leben!

Herzlichst
....




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