Sonntagspredigt - Wieviel brauchen wir?


  Endzeitprophetie  

Geschrieben von (Epi) P-H am 24. Oktober 2004 06:10:24:

Als Antwort auf: Alles hingeben? geschrieben von Neukirchener W-G am 23. Oktober 2004 11:22:23:

Wie viel gibt es doch, das wir nicht brauchen
Lk 10, 1-9

Ferienzeit - Reisezeit! Manche können nicht in die Ferien gehen, andere haben das ganze Jahr Ferien. Die meisten aber werden irgendwann irgendwohin in die Ferien fahren, und sie machen sich Gedanken über die Reisevorbereitungen. Fahrkarten und Hotelplätze sind wohl schon bestellt, eine Reiseversicherung ist abgeschlossen, Fremdwährung eingewechselt. Jetzt gilt es noch, die Koffer zu packen und die Nachbarn zu avisieren.

Wer fliegt, kennt die Gewichtsbegrenzung, 20 oder 30 kg. Was muss mit, was kann mit, was muss zu Hause gelassen werden? Wer mit der Bahn fährt, denkt selbst an Gewichtsbegrenzung. Er oder sie muss das Gepäck ja selber schleppen. Zum Glück haben die Koffer und Säcke jetzt Rollen! Und wer mit dem Auto oder dem Wohnwagen unterwegs ist, stopft hinein, soviel eben Platz hat. Erst wenn in den Ferien unser kleiner Hausrat mobil wird, kommt uns so recht zum Bewusstsein, wie viel Zeugs wir brauchen - und wie viel wir eigentlich entbehren könnten. Manchmal ist es gut, sich an den alten Diogenes zu erinnern, der staunend auf dem Markt umherging: «Wie viele Dinge gibt es doch, die ich nicht brauche!» Wie viel mehr Unnützes hätte er erst in einem Supermarkt entdeckt und gestaunt!

Auch im Evangelium, das wir heute lesen, geht es um eine Reisevorbereitung. Jesus schickt seine Jünger aus, sein Kommen vorzubereiten. Aber wie anders sieht deren Reiseausrüstung aus als unsere:

Das ist fast Zug für Zug das Gegenteil von dem, wie wir uns auf eine Reise vorbereiten. «Wie Schafe unter die Wölfe»: Das erste, was wir von einem Reisziel erwarten, ist Sicherheit: Keine Terrorangriffe, keine Streiks, keine unangenehmen Überraschungen. «Nehmt keinen Geldbeutel mit», keine Travellerschecks und keine Kreditkarte; «keine Vorratstasche», keinen Koffer, keinen Rucksack und kein Kabinengepäck; «und auch keine Schuhe», keine Wechselbekleidung und keine Ersatzreifen. Kann, ja darf man sich so ungeschützt überhaupt auf den Weg machen?

Einmal haben wir alle uns so ungeschützt auf den Weg gemacht, auf den Weg unseres Lebens. Bei unserer Geburt haben wir nichts in diese Welt mitgebracht. «Nackt kam ich hervor aus dem Schoss meiner Mutter, nackt kehre ich wieder zur Erde zurück», heisst es im Buch Ijob (Jb 1,21). All das Vielerlei, mit dem wir uns jetzt umgeben, und von dem wir uns, auch für ein paar Ferienwochen, nur so schwer trennen können, wir haben es einmal geschenkt bekommen oder es dann nach und nach erworben. Nur weil wir von anderen Menschen aufgenommen und umsorgt wurden, weil wir von ihnen anfänglich alles Nötige geschenkt erhielten, konnten wir überhaupt überleben. «Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt.»

Wenn Jesus seine Jünger so wehr? und mittellos aussendet, schickt er sie nicht in ein unbekanntes Abenteuer und er will ihnen auch keine Mutprobe abfordern. Er will ihnen vielmehr nur bewusst machen, dass sie eine Reiseversicherung haben, die besser ist als jede andere Reiseversicherung und als zehn verschiedene Kreditkarten. Sie sind versichert bei Gott, «der seine Sonne aufgehen lässt über Bösen und Guten, der regnen lässt über Gerechte und Ungerechte» (Mt 5,45); beim Vater, der «die Vögel des Himmels ernährt» und «das Gras so prächtig kleidet» (Mt 6,26.30). «Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage» (Mt 6,34). So hatte Jesus seinen Jüngern damals in der Bergpredigt zugerufen.
Jetzt, wo er sie mittel- und wehrlos auf die Reise schickt, sollen sie sich an dieses Wort nicht nur erinnern. Sie sollen auch erfahren, dass Gott seine Vorsorge tatsächlich ausübt - durch Menschen, die sie gastfreundlich aufnehmen.


So wörtlich wie das dasteht, lässt sich das Aussendungswort Jesu für uns nicht verwirklichen. Ohne Geldtasche und ohne Fahrkarte kommen wir nicht viel weiter als bis zur ersten Tramstation. Gastfreundschaft und Mittellosigkeit hatten im alten Orient einen anderen Stellenwert als heute in unserer durchorganisierten Gesellschaft. Aber Eines können und sollen wir vom Wort Jesu dennoch lernen: Wir können und sollen uns auf all unseren Wegen mehr auf Gott verlassen als auf unser Reisegepäck oder auf unsere Kreditkarten.
Wie sehr sind wir immer bestrebt, uns abzusichern und zu versichern; autark zu sein und alles bei uns zu haben, was wir möglicherweise einmal nötig haben könnten. Wie hilflos und verärgert sind wir, wenn unsere Koffer anderswo gelandet sind als Wir, wenn das gebuchte Zimmer anders aussieht, als es uns der Hochglanzprospekt vorgegaukelt hatte! So eine Verärgerung kann die ganzen Ferien vergällen.
Da ist es gut, Wenn uns das Jesuswort im Ohr klingt: «Euer Vater m Himmel weiss, das ihr das alles braucht» (Mt 6,32). Beim Packen der Koffer - wie bei einem Wohnungswechsel - kann uns bewusst werden, wie viel und wie Verschiedenes wir immer brauchen, wie sehr wir alles vorsehen und uns nach allen Seiten absichern wollen, aber auch, wie viel Unnötiges und Überflüssiges wir mitschleppen, wie sehr wir uns mit Dingen belasten, mit denen wir uns eigentlich gar nicht belasten müssten.

Koffer packen kann eine nützliche aszetische Übung sein. Sie zwingt uns, dass wir uns auf das Unentbehrliche besinnen und beschränken und alles Entbehrliche zu Hause liegen lassen. Eines aber rate ich Ihnen: Lassen Sie in Ihrem Reisegepäck jedenfalls Platz für ein gutes Stück Gottvertrauen. Wenn Ihnen das gelingt, wenn Sie etwas von der Sorglosigkeit der Vögel des Himmels und von der Unbekümmertheit der Blumen auf der Wiese in Ihre Ferien mitnehmen, dann, liebe Hörerinnen und Hörer, werden Sie ganz gewiss gute, entspannende und erholsame Ferien erleben. Solche Ferien wünsche ich Ihnen und mir.

Amen.

P-H



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