Das Buch »JESUS«

von D. Paul Wernle - 1916, Professor an der Universität Basel



VORWORT



Diese Schrift hat zu dem, was uns heute alle zuerst bewegt, dem Weltkrieg und seinem gefürchteten oder erhofften Ausgang, gar keine unmittelbare Beziehung und lehnt es ausdrücklich ab, direkte Linien zu ziehen von Jesus zur Gegenwart. Ich schrieb sie zunächst mit dem Wunsch, meiner früheren, rein kritischen und vorwiegend negativen Schrift über die Quellen zum Leben Jesu endlich einmal eine positive Darstellung von Jesus und dem Evangelium zur Seite zu stellen, für die ich den Ertrag meiner während des letzten Jahrzehnts fortgesetzten Sudien auf diesem Gebiet verwerten wollte. Das glaubte ich besonders den Lesern der frühern Schrift schuldig zu sein. Aber vor allem schrieb ich doch aus persönlichem Bedürfnis und im Zusammenhang mit dem Furchtbaren, das wir heute erleben. Inmitten einer sich selbst zerfleischenden Christenheit und in einer allgemeinen Verwirrung auch der religiösen Begriffe suchte ich, für einen Augenblick den Jammer der Gegenwart zu vergessen und mir das Bild dessen von neuem einzuprägen, der allein mit Sicherheit ihn überdauern wird und jetzt schon richtend und tröstend darüber steht. Eben deshalb liess ich alle Gegenwartsfragen zunächst beiseite; ich versuchte gar nicht, Jesus weder gegen noch für den Krieg mobil zu machen; ich wollte ihn dort sehen, wo er steht, in seiner Zeit und seinem Volk, und vernehmen, was er seiner Zeit zu sagen hatte. Ich glaube damit doch auch der Gegenwart zu dienen, denn nicht ein für unsre augenblicklichen Bedürfnisse zurechtgemachter Jesus, sondern nur der wirkliche, wie ihn die Geschichte kennt, wird uns auch in Zukunft helfen können.

Jede geschichtliche Studie über Jesus wird immer auf zwei Voraussetzungen ruhen müssen, wenn sie unser Verständnis wirklich fördern soll. Das eine ist die exakte Arbeit der philologischen und historischen Kritik an unsern ältesten Quellen, die niemals vernachlässigt oder gering geschätzt werden darf.

Es gibt natürlich jederzeit einen Zugang zu Jesus auf unmittelbar religiösem Weg, den zum grossen Glück unsre Wissenschaft niemand wehren kann. Auf diesem unmittelbaren Rapport einzelner Seelen mit Jesus beruhen einige der gewaltigsten Vorwärtsbewegungen der Geschichte. Allein hier handelt es sich dann auch nicht um möglichst getreue geschichtliche Erkenntnis, sondern um persönliche religiöse Kräftigung.

Geschichtliche Erkenntnis Jesu, das sollte nicht erst bewiesen werden müssen, ist nur möglich durch wissenschaftliche Erforschung unsrer Quellen, der Evangelien und andern ältesten christlichen Dokumente, mit den überall gültigen Methoden der historischen Kritik. Kein geniales Überspringen und auch kein reiligiöses Divinieren kann jemals ein Ersatz für diese solide wissenschaftliche Arbeit sein. In meinen "Quellen zum Leben Jesu" habe ich versucht, von den Hauptergebnissen der Evangelienforschung einen kurzen Begriff zu geben.

Für Leser, welche sich diese Lektüre gern ersparen, genügt es vielleicht, kurz festzustellen, dass wir unser bestes Wissen von Jesus aus drei Hauptquellen, unsern drei ersten Evangelien, zu schöpfen haben:

  1. Aus dem Markusevangelium, der vermutlich ältesten schriftlichen Sammlung der Überlieferung von Worten und Taten Jesu, von einem heidenfreundlichen Mann für hauptsächlich heidenchristliche Leser zusammengestellt.


  2. Aus der sogenannten Spruchsammlung oder Redequelle, die uns im Original verloren gegangen, aber von Matthäus und Lukas in den beiden gemeinsamen grossen Redestücken uns erhalten ist, man denke an die Bergpredigt, die Missionsrede, die Rede gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten usw.; diese Spruchsammlung scheint aus judenchristlichen Kreisen zu stammen und fasst Jesu Bild von der jüdischen Seite auf.


  3. Aus besonderen Überlieferungen, die nur Matthäus oder nur Lukas aufbehielten, darunter Sprüchen, Gleichnissen und kurzen Erzählungen.

Damit dass die Forschung mit einiger Sicherheit diese ältesten Dokumente der literarischen Erzählung von Jesu ermittelt hat, ist freilich die kritische Arbeit noch lange nicht erledigt. Alle diese schriftlichen Quellen ruhen auf vorausgehender mündlicher Überlieferung, in der schon allerlei Veränderungen, Erweiterungen, Trübungen des geschichtlichen Tatbestandes vorgekommen sein mögen und sogar müssen, sonst wären nicht manche Aussagen unsrer Evangelien so widerspruchsvoll. Da ist es nun Aufgabe des Forschers, mit aller Umsicht und Vorsicht aus dem Gegebenen das Ältere und Älteste herauszuarbeiten und zu versuchen, die einzelnen Bruchstücke zu einem Bild zusammenzusetzen.

Eine solche wissenschaftliche Arbeit, je ernster sie betrieben wird, wird eines nie beanspruchen: unfehlbare Sicherheit.

Der Tatbestand unsrer verschiedenen Evangelien ist derart beschaffen, dass auch ernste wissenschaftliche Arbeiter zu ganz verschiedenen Ergebnissen gelangen können, und nur von dem allmählichen Fortgang der Gesamtforschung eine allmähliche Annäherung an das Wahrscheinliche erwartet werden darf. Wer hier mit Bestimmtheit sich auszumachen getraute, was alles Jesus gesagt und getan, was er dagegen nicht gesagt und nicht getan haben kann, würde sich gerade dadurch als ein unwissenschaftlicher Dilettant kenntlich machen, der den Ernst und die Schwierigkeit der kritischen Arbeit noch gar nicht erfasst hat. Es gibt leider nur zu viele solche Dilettanten, welche durch ihre Zuversicht die Wissenschaft kompromittieren; vermehren wir darum nicht ihre Zahl!

Wenn die Folge für den Leser die sein wird, dass er an vielen Stellen auf ein ›vielleicht‹, ›möglicherweise‹, ›wahrscheinlich‹ stossen wird, wo er gerne ein ›sicher‹, ›zweifellos‹ gelesen hätte, schadet das letztlich niemandem. Sofern Jesus nun einmal der Geschichte angehört, bleibt auch seine wissenschaftliche Erkenntnis im Gebiet des immer nur annähernd zu Erreichenden und beständig neu zu Prüfenden und Diskutierenden.

Das wird aber noch deutlicher, wenn wir uns an die zweite unumgängliche Voraussetzung der Erkenntnis Jesu erinnern. Nennen wir sie mit einem Wort: religiöses Verständnis. So wenig dieses jemals ein Ersatz für solide wissenschaftliche Arbeit sein kann, genau so wenig wird die blosse wissenschaftliche Kritik zum Kern des Wesens Jesu und zu einer Gesamtschau dessen, was er war und wollte, jemals vordringen können. Die Arbeit der wissenschaftlichen Kritik ist überhaupt vornehmlich negativ, sie kann Unechtes vom Echten, Junges vom Alten zu scheiden suchen, kann unendlich viel Schutt und Unrat wegräumen, der sich im Lauf der Jahrhunderte über das Bild Jesu gelagert hat. Aber viel mehr wird sie schwerlich können, und es ist Überhebung, wenn man meint, dass ein Arbeiter, der über das philologisch-historische Handwerkszeug ausgezeichnet verfügt und alle die neuesten Methoden der Forschung genau beherrscht, uns deshalb Jesus wirklich verständlich machen könne. Das letztlich Entscheidende wird immer das Psychologische, und zwar hier das Religiös-Psychologische sein und bleiben. Man wende nicht ein, es werde damit dem Subjektivismus und der Modernisierung Tür und Tor geöffnet. Dafür treiben wir wissenschaftliche Arbeit, um gegen die grossen Gefahren, die von dieser Seite drohen, gewappnet zu sein.

Der beständige Kampf gegen das subjektive Vorurteil gehört ganz gewiss zu jeder ernsten Arbeit auf geschichtlichem Gebiet. Aber wie in aller Welt soll denn Religion überhaupt verstanden werden ohne Religion in mir selbst, dem Arbeiter, und wie soll man gar einem religiösen Genius wie Jesus irgend näher kommen mit dem Verständnis ohne das Mitschwingen der eigenen Seele in all dem Zarten, Feinen und Tiefen, das von wissenschaftlichen Methoden gar nicht erfasst werden kann? Man wird für Jesus doch gelten lassen, was man einem Platoforscher oder Goetheforscher selbstverständlich zugestehen muss.

Ich muss ehrlich bekennen, dass ich selber früher den Wert des rein Wissenschaftlichen und Handwerksmässigen auf diesem Gebiet überschätzt habe. Ich habe ungefähr gemeint, wenn ich die ältesten Quellen genau ermittelt habe und wisse, was ich als echtes Gut im Unterschied von später Dazugekommenem festhalten dürfe, so fehle mir nicht mehr viel für das getreue geschichtliche Verständnis des Wesens und Wollens Jesu. Heute würde ich sagen: es könnte mir mit all dem noch beinahe die Hautpsache mangeln, das wirkliche Verstehen der Frömmigkeit Jesu, und der Jesus, den ich da herausarbeiten würde, wäre gar nicht von ferne er selbst. Und ich vermute, wenn ich in meinen Ansprüchen etwas bescheidener geworden bin, kommt das eigentlich der wissenschaftlichen Arbeit zu gut. Denn das bleibt freilich die Folge dieses Zugeständnisses; man wird, wenn man die Wichtigkeit des religiösen Rapports, der zwischen dem Forscher und Jesus sich einstellen muss, erfassst hat, nicht kühner und zuversichtlicher, sondern vorsichtiger und bescheidener. Es geht einem auf einmal auf, dass man hier vor einer unendlichen Aufgabe steht, bei der die Hauptschwierigkeiten gar nicht im Erkennen, sondern anderswo liegen. Es müsste etwas Jesu-Ähnliches im Forscher selbst vorhanden sein, was doch keiner sich geben, keiner auch nur von ferne erarbeiten kann. Da muss eben jeder suchen, wie weit er mit seinen Augen sehen kann, er wird vermutlich selber zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Führungen seines Lebens sehr verschieden weit sehen können.

Ich habe in diesem Schriftchen gegeben, was ich bis heute an Jesus habe entziffern können, im vollen Bewusstsein, dass mir manches verschlossen sein wird, wenigstens für diesesmal. Und so möge es auch gelesen werden. Immer als ein Vorläufiges und Provisorisches. Der Gedanke, ich könnte einmal mit Jesu fertig sein und künftig nicht mehr tiefer, besser in sein Verständnis eindringen, ist mir ganz unvollziehbar und eigentlich grauenvoll.

Als Leser habe ich mir nicht nur Theologen gedacht, sondern überhaupt Menschen, die wie ich selbst gern einen Schritt weiter im Verständnis Jesu kommen möchten. Ich liess deshalb alles gelehrte Beiwerk beiseite und nahm vom Zeitgeschichtlichen nur das Allernotwendigste hinzu. Ich wollte ja keine Geschichte von Jesus erzählen, sondern nur die Hauptsumme seines Wesens und Wirkens festzuhalten suchen. Gern hätte ich die Darstellung noch einfacher gehalten in der Überzeugung, dass so viele Probleme und Schwierigkeiten erst von uns an Jesus herangebracht werden. Allein wenn Jesus auch durchaus als Laie und Nicht-Theolog verstanden werden muss, so steht er eben doch beständig vor den unerschöpflichen Tiefen der Wirklichkeit und inmitten der Rätsel des Daseins. Bei all seiner Liebe zu den Kindern, er selbst war kein Kind, sondern ernster, reifer Mann. Wer ihn zu einfach nimmt, würde sich über den Ernst und die Schwere seiner Mission täuschen. Er ist doch der Gekreuzigte, das darf niemand vergessen, der sich mit ihm befasst.

Im Ganzen ist unsre Zeit dem Verständnis Jesu wenig günstig, wir treten alle zu sehr bedrängt durch die Sorgen und Nöte unsrer ganz speziellen Zeitlage an Jesus heran. Noch vor kurzem beherrschte die soziale Not auch unser Suchen Jesu; er musste durchaus der soziale Heiland sein, der den Menschen bessere irdische Verhältnisse bringen will. Augenblicklich, da uns das Kriegstgetöse umbraust, suchen wir bei Jesus Leitlinien für das Völkerleben und Motive für oder gegen den Krieg; er soll uns helfen, den Völkerfrieden und Weltfrieden bringen und garantieren. Das ist alles überaus begreiflich, ja begreiflicher, als wenn ein Stubengelehrter, der mit seiner Zeit keine Fühlung hätte, deshalb meinte, Jesus besser verstehen zu können; aber es erschwert uns das Vernehmen dessen, was Jesus war und bringen wollte. Die Korrektur wird bei Jesus selber liegen in den Evangelien. Die überdauern ja alle unsre Zeitgeschichte und sind imstande, Menschen, die sie für etwas ganz Spezielles und verhältnismässig Nebensächliches befragen, auf einmal ins Zentrum zu führen. Es ist im Grunde etwas Erfrischendes, sich gegenwärtig zu halten, dass wenn alle unsre kleinen und grossen "Leben Jesu" im Staub vermodern, Jesus selber in den Evangelien immer wieder frei und souverän sich an den Menschenherzen legitimieren und sie zwingen wird, immer wieder tiefer und gerader von ihm zu denken. Wir kleinen Menschen gehen alle über kurz oder lang dahin, und niemand fragt gross nach uns. Er aber, an dem wir, nein, für den wir arbeiten möchten, bleibt und bleibt die Kraft und die Freude für alle späteren Generationen, denen wir nichts mehr geben können.*) Das soll uns nicht hindern, unsre Pflicht der geschichtlichen Erforschung ernst und gewissenhaft zu tun, aber es gibt uns das rechte Augenmass und hält uns selber in der rechten Stellung gegenüber Jesus.

Mein ganzer Zweck ist erreicht, wenn ich dem einen oder andern Leser helfen kann, dass ihm Jesus grösser wird, und seine Freude und Liebe zu ihm wachsen. Voraussetzung ist aber immer, dass wir ihn wahr sehen wollen und aller angenehmen Selbsttäuschungen uns tapfer entschlagen. Das geschichtliche Verständnis ist nicht erbaulich im gewöhnlichen Sinn, darf es nicht sein. Das liegt nicht an uns Forschern und Erzählern. Ein Mann, der ein Reich Gottes in nächster Nähe verkündete, das so, wie er es erwartete, gar nicht kam, und der mit dem Schrei "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen," sterben musste, soll und kann in geschichtlicher Darstellung nicht, was man so nennt, erbaulich wirken. Wer sich daran ärgern möchte, der ist gebeten eine solche Schrift eben nicht zu lesen.

Wir wollen niemand den Jesus nehmen, der ihm von Kind auf lieb geworden ist und an dem seine Seele hängt. Aber wir wahren uns die Freiheit, ihn so zu schildern, wie ihn ein Erforscher geschichtlicher Wahrheit sehen muss. Und wer das Harte und Herbe dieser Geschichte mit seinem Gott durchdenken kann, dem wird es nur zum Segen dienen können.

Wir kommen vorwärts auf allen Wegen nur durch Wahrheit und Wirklichkeit, und die Religion, die dem aus dem Wege ginge, verdiente den Namen Frömmigkeit nicht. Wir müssen noch ganz anders dem Träumen und blossen Postulieren entsagen lernen. Gerade dann wird Jesus unsere Freude, unsre Kraft. In der wirklichen und rätselhaften Welt, in die wir gestellt sind, will er uns helfen, mit Glauben, Lieben, Hoffen uns durchzuschlagen und nicht müde zu werden, unserem Gott zu vertrauen und ihn nicht zu lassen, auch wenn er uns zu lassen scheint und ebenso bei den Brüdern auszuhalten und sie nicht zu lassen in gar keiner Not. Wenn er das bei uns fertig bringt, wird er in dieser Kriegszeit seine besondere Kraft an uns bewähren.



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*) Hier lässt Wernle anklingen, was Jesus tut: Er offenbart sich zu Seiner Zeit jedem immer wieder neu. Wenn auch Prof. Wernle hauptsächlich am bereits Geschriebenen festhalten mag (und uns immerhin das biblische Schriftwort näherbringt, aber gegenüber grossen und neuen Offenbarungen vielleicht skeptisch war), so lässt er doch Jesu Geistwirken an sich selbst zu und hilft uns, zu Jesus mit grösserer Freude aufzuschauen und ihn lieb zu gewinnen.


Aus dem Schweizer Lexikon:
Wernle, Paul, schweiz. prot. Theolog, *Zürich 1.5.1872, +Basel 10.4.1039. Prof. ebenda.
Verband pietistisch gefärbte Frömmigkeit mit krit.-liberaler Einstellung in der theologischen Forschung.



Zum Inhalt:
(noch nicht vollständig im Netz)

I. Volkstum und Eigenart
II. Der Gottesglaube
III. Der Mensch und die Forderung Gottes
IV. Die Botschaft vom kommenden Gottesreich
V. Jesus der Christus







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